Ein Ausflug in die Unterwelt
Die archäologische Grabung unter der Taufkapelle wird „wiedererweckt“

Das Baptisterium des Aachener Doms.
Hinter den dicken Mauern der Taufkapelle und weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit gruben sich Archäologen in den 1980er Jahren in den Untergrund. Zunächst wurde der Fußboden aus Blausteinplatten vollständig entfernt. Anschließend arbeitete sich das Team Schicht für Schicht in die Vergangenheit vor – am Ende mehr als drei Meter unter dem heutigen Niveau. Vier Jahre lang drehten die Experten das gesamte Erdreich buchstäblich „auf links“. Akribisch wurde gegraben, dokumentiert und vermessen. Nach Abschluss der Arbeiten wurden die angelegten Schnitte und freigelegten Mauerzüge gesichert und unter einem neuen Fußboden verborgen – dann jedoch gerieten sie für Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf.
Erst der Archäologische Arbeitskreis um den Stadtarchäologen Andreas Schaub und Dombaumeister Dr. Jan Richarz holte die alten Grabungsbefunde wieder ans Licht. Anlass waren erhebliche Schäden durch anhaltende Feuchtigkeit im „Regenjahr“ 2024, die eine Sicherung der Dokumentation erforderlich machten. Mit viel Geduld wurden Profile und Pläne der Kampagne von 1984 bis 1988 gesichtet, gereinigt und ausgewertet. Dabei konnten nicht nur frühere Erkenntnisse zur Innenstadtgeschichte bestätigt werden, sondern es traten auch neue Einblicke in eine rund zweitausendjährige Nutzungsgeschichte des Areals zutage.
Doch langsam und der Reihe nach…
Unser Rundgang durch die „Unterwelt“ der Taufkapelle beginnt mit dem Abstieg über eine enge Wendeltreppe. Unten empfängt uns ein kühler, leicht modriger Geruch am Zugang zum Grabungsbereich. Anhand eines kommentierten Übersichtsplans orientieren wir uns im Geflecht aus Erdprofilen, Mauerresten und betonierten Schutzwänden – und beginnen unseren Weg durch die Jahrtausende.
Der Ursprung des Baptisteriums liegt bis heute im Dunkeln. Eine Entstehung in karolingischer oder gar früherer Zeit ist auszuschließen, auch wenn das Gelände bereits in römischer Zeit besiedelt war. Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1215 und bezeugt eine „Ecclesia Sancti Johannis“ an der heutigen Stelle. Mehrere Um- und Neubauten, bei denen auch das Abbruchmaterial älterer Vorgängerbauten sowie des Atriums (heute: Domhof) wiederverwendet wurde, führten schließlich zu dem barocken Bau aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der bis heute das Erscheinungsbild des Fischmarkts prägt.
Der Schwerpunkt dieses Beitrags liegt jedoch nicht auf der Baugeschichte des Baptisteriums. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die archäologischen Befunde, die im Zuge der Restaurierungsarbeiten von 1984 bis 1988 freigelegt wurden.

Die römische Mauer unter dem Baptisterium.
Zunächst fällt eine Mauer ins Auge, die in einem auffallend spitzen Winkel in den Raum hineinragt. Dieser entspricht in etwa dem Maß, das karolingische von römischen Baufluchten unterscheidet. Die oft dreieckig wirkenden Platzstrukturen der Aachener Innenstadt scheinen hier gleichsam ihren „Urmeter“ zu haben.
Es handelt sich um eine römische Mauer aus dem 2. Jahrhundert, die im weiteren Verlauf von einer mittelalterlichen Trockenmauer geschnitten wird. Ihre Fortsetzung setzt sich hinter sich hinter einem Erdprofil fort bis sie sich verliert, während der parallele Ausbruchsgraben einer weiteren antiken Mauer in geringem Abstand dahinter erkennbar bleibt.

Die Atriumsmauer im nordöstlichen Bereich des Grabungsareals.
Die den Raum begrenzende Wand aus karolingischer Zeit ist im unteren Bereich überwiegend aus römischen Spolien errichtet. Darüber lassen sich romanische und gotische Ausbauphasen nachweisen. Es handelt sich um einen Teil der Außenwand des das Domareal umgebenden Atriums.
An den teilweise nachbearbeiteten Steinblöcken im Grabungsbereich lässt sich der damalige Laufhorizont gut nachvollziehen: Die rau belassenen Flächen lagen einst unter dem Bodenniveau, während die geglätteten Seiten den Innenraum begrenzten.

„Dark earth“ mit darüber liegendem karolingischen Estrich.
Die Bodenprofile zeigen eine mächtige Erdschicht, die als „Dark Earth“ bezeichnet wird. Darunter versteht man einen vielschichtigen Bodenhorizont, dessen Entstehung in das 4. bis 7. Jahrhundert zu datieren ist. Die dunkle Färbung ergibt sich einerseits aus handwerklichen Rückständen wie Asche und Schlacken, andererseits aus humosem Material, das durch die Zersetzung organischer Substanz entsteht. Funde wie Keramikscherben und einzelne Münzen verweisen auf den Übergang von der Spätantike ins frühe Mittelalter. Die „Dark Earth“ zieht sich durch weite Teile der römischen und frühmittelalterlichen Siedlungsschichten der heutigen Innenstadt.
Nach oben wird dieses Schichtenpaket von einem Estrich abgeschlossen, der im Bereich unter der Taufkapelle mehrfach freigelegt wurde. Er verweist auf ein größeres Bauwerk karolingischer Zeit, das einen erheblichen Teil des heutigen Grabungsareals einnahm. Seine genaue Ausdehnung und Funktion sind bislang noch nicht abschließend geklärt.

Graben der Stiftsimmunität.
Vor der östlichen Begrenzungsmauer zum Fischmarkt ist ein Spitzgraben zu erkennen, der mit einem tonigen Lehmpaket verfüllt wurde. Es handelt sich um einen Grenzgraben, der in frühmittelalterlicher Zeit die Stiftsimmunität markierte. Die Verfüllung des Grabens sowie des umliegenden Areals deutet auf Maßnahmen hin, mit denen das Eindringen von Feuchtigkeit reduziert werden sollte. Dort, wo sich heute das „Fischpüddelchen“ befindet, wurde zudem ein näher an der Außenwand gelegener Brunnen nachgewiesen, der dem Bau offenbar erheblich zugesetzt hat.

Spuren des mittelalterlichen Vorgängerbaus der heutigen Taufkapelle.
Weitere Mauer- und Pfeilerreste belegen den romanischen und gotischen Vorgängerbau des heutigen Baptisteriums, der erstmals 1215 erwähnt wird. Ein letzter baulicher Rest hat sich bis heute überirdisch im Ansatz des Torbaus neben dem heutigen Zugang erhalten.

Bestattungsspuren unter der Taufkapelle.
Wie vielerorts üblich, wurde auch im Inneren der Taufkapelle über Jahrhunderte hinweg bestattet. Gerade in den oberen, stärker gestörten Erdschichten lassen sich noch heute Reste von Bestattungen erkennen. Ein Begräbnis im Innern eines Sakralbaus galt als privilegiert und versprach Vorteile für das Seelenheil. Im unteren Bereich dieses Schichtpakets sind einzelne Gebeine sogar noch in situ erhalten.

Das Taufbecken.
Eine besondere Überraschung bietet sich schließlich in der südwestlichen Ecke des Grabungsbereichs. Auf einer Mauer ruht ein zunächst amorph wirkendes Objekt, das sich bei näherem Hinsehen als Taufstein aus dunklem Blaustein erweist. Der achteckige Stein ist mit gotischen Kreuzblumen auf den Breitseiten sowie archaisch wirkenden spätromanischen Köpfen verziert. Diese Elemente verweisen auf eine Entstehung im Umfeld des 13. Jahrhunderts, vermutlich im heutigen Belgien (Dinant).

Die frühgotische Kreuzblume.

Der spätromanische Kopf.
Beide Stilelemente unterstreichen die frühe Überlieferung des Baptisteriums zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Der Taufstein wurde, offenbar im Bereich seines damaligen Aufstellungsortes, während der Grabung zerbrochen aufgefunden.
Die starren Blicke der dunkel glänzenden Gesichter begleiten unseren Rückweg in die Oberwelt. Zurück bleibt ein eindrucksvolles Zeugnis Aachener Vergangenheit, das niemand, der diesen Ort einmal betreten hat, so schnell vergisst. In Zukunft könnten deutlich mehr Menschen als bisher die unterirdische Grabung betreten. Zurzeit erarbeiten Dombauhütte und Stadtarchäologie ein Konzept, wie der Bereich öffentlich zugänglich gemacht werden kann.
Autor: Michael Kuhn M.A.
Als die Archäologen in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Arbeiten unter der Taufkapelle des Aachener Doms beendet hatten, fielen die freigelegten Relikte der Vergangenheit in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie erst der Archäologische Arbeitskreis um den Stadtarchäologen Andreas Schaub und der Dombaumeister Jan Richartz erweckten.
In mühevoller Kleinarbeit wurden die Profile und Plana der vierzig Jahre zurückliegenden Kampagne vom Staub und Schmutz der Jahrzehnte befreit, was einige Überraschungen ans Licht der Arbeitsstrahler brachte. Es wurden nicht nur viele Ergebnisse der vergangenen Grabungen in der Innenstadt bestätigt, sondern auch neue Erkenntnisse aus zweitausend Jahren Stadtgeschichte gewonnen.
Indem wir jetzt über die Wendeltreppe in den Keller der Taufkapelle hinabsteigen, entführen wir euch auf eine spannende Zeitreise in unsere Vergangenheit.
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