Staub in der Nase, Schmerzen im Rücken und ein Herz voller Glückseligkeit

Frühjahrsputz in einer Römische Weinkelter

Putzen des Planums im früheren Arbeitsraum.

Autorin: Annika Schneider

Jedes Jahr steht im Frühjahr das große Reinemachen in einer der wichtigsten archäologischen Fundstätten an der Mittelmosel statt. Im beschaulichen Erden wurden zwei römische Kelteranlagen freigelegt, von denen eine als die älteste Weinkelter in unseren Breiten gilt.

Wind, Wetter und Hochwasser hinterlassen jedes Jahr ihre Spuren, deren Beseitigung entscheidend zur Präsentation und auch zur Erhaltung des Befundes beiträgt. Die Arbeiten werden von ehrenamtlichen Helfern durchgeführt, die über große Erfahrungen im Arbeitsumfeld der Archäologie und Denkmalpflege verfügen. Sie unterstützen somit tatkräftig den dortigen Förderverein in seinem Bestreben, dieses Relikt des antiken Weinbaus für spätere Generationen zu bewahren.

Was kommt einem zuerst in den Sinn, wenn man an Römer denkt? Heereszüge? Rote Umhänge und besenhafte Helmdekorationen? Troja und Russell Crowe? Sicher aber auch: Wein.

Ich bin eine kleine Geschichtenerzählerin, gute Friseurin, Ruinenjägerin und Stillstandflüchtling. Und deshalb habe ich gerne das Angebot von Michael angenommen, dass mich 2 Monate lang „vorfreuden“ ließ. Am vergangenen Wochenende durfte ich ein Leben, zu den vielen hinzufügen, kurz fühlen, kurz atmen. Ich habe jeden Stein umsorgt, habe jede Ritze ergiebig studiert und mich daran erfreut, ein Teil der römischen Geschichte zu werden.

Die Sonne muss ein Römer sein, denn die Mosel applaudierte unserem Vorhaben mit strahlendem Wetter. In einem kleinen Örtchen namens Erden, sind wir nicht die Einzigen, die sich für die Ausgrabung am Fuße des Erdener Treppchens interessieren. Ich meine die, welche dieses Relikt der Vergangenheit wertschätzen und sich um den Erhalt sorgen. So wurden wir mit einem Lächeln und festem Händedruck begrüßt und willkommen geheißen.

Und dann durfte ich einen Fuß auf den Boden einer Kelteranlage aus dem 3/4. Jahrhundert setzen, was ich als Touristin nur durch Gitterstäbe hindurch hätte bewundern können. Nun stand ich in den Becken, in die der Most floss, putzte die Steine der im Fischgrätverband gemauerten Wand, und bestaunte, wie viel davon noch vorhanden war. Die ehemalige Höhe der Anlage konnte ich aber nicht nur durch den Anblick erahnen, sondern auch durch die 3D-Ansicht einer eigens für solcherlei Zwecke programmierten App erfahren. Es fühlt sich an, als stünde man dort selbst in luftigen Sandalen, bereit zur Tat zu schreiten.

Wein zählte damals zu den Grundnahrungsmitteln der Römer. Welch lustiges Leben das gewesen sein muss. Oder es war dadurch besser zu ertragen, wenn das würzige Gesöff die Kehle herunter rann. Zumal es sauberer als Trinkwasser war.

Irre ist es jedes Mal, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Wissen die Römer besaßen. Die Anlagen waren hoch entwickelt und die Hinzugabe von Kalk ließ die Schwebestoffe im Wein zu Boden sinken. So konnten die Römer den sauberen Most herausschöpfen.

Schöpf- und Setzbecken vor der Reinigung.

…und nachher.

An der Mosel sind solche Überreste immer wieder zu finden. Doch selten so gut erhalten wie die Kelteranlagen in Erden, in der wir das Unkraut rupften, und die Becken von den natürlichen Verwehungen befreiten.

Besonders interessant anzusehen, war eine Bodenkonstruktion, die ich so noch nie zu Gesicht bekommen hatte. In einer Y-förmigen Konstruktion, entdeckte ich mehrere aufrechtstehende Steinsäulen, die aussahen, als wären sie wie zu einem religiösen Zwecke aufgerichtet worden. Weniger spektakulär in Hinsicht Mystik, aber enorm spektakulär in Hinsicht Fortschritt, war dies einst eine Bodenheizung, die, ohne ihre Bodenplatten zu Tage gekommen war. Hier lagerten womöglich die Weinfässer während der kühlen Herbsttage, ehe sie zur Weiterverarbeitung nach Trier verschifft wurde.

Der Y-Heizkannal im Nebengebäude vor der Reinigung.

…und nachher.

Mir wurden durch umherliegende Ziegel und anderer antiker Bauteile die Bauweise der Böden, Heizkanäle und Ziegel erklärt. Ich durfte das in den Händen halten und bestaunen, worauf ein römischer Arbeiter seinen Finger verewigt hatte. Während ich die Belege eines vergangenen Lebens in den Händen hielt, erzählte meine Kollegin Greta mir, dass von dieser Art noch weit interessantere Funde entdeckt wurden, wo beispielweise ein Kind seine Hand in den noch nicht ausgehärteten Ton gedrückt oder ein Hund die weiche Masse als geeigneten Sitzplatz befunden hatte. Wie die Fotografie von Menschen, mit derselben Atmung, wie unserer, derselben Haut und demselben Haar, die jedoch ein gänzlich ein anderes Leben führten, die Welt anders betrachteten und mit ähnlichen, doch bedrohlicheren Kräften zu kämpfen hatten.

Nach einer schweißtreibenden Arbeit und vom Staub freigehusteten Lungen, wurden wir von unserem Gastgeber Siggi liebevoll zu Tisch gebeten und umsorgt, wie nie ein Römer umsorgt worden war. An diesem Tag fielen wir, nach einem köstlichen Abendbrot und einer Weinverkostung bei der Winzerfamilie des Meulenhofs Helma und Stefan Justen, müde und glücklich ins Bett.

Es folgte am nächsten Tag ein Aufhübschen des Mauerwerks im ehemaligen Fumarium (Rauchkammer), das mittlerweile zum Kräutergarten umfunktioniert worden war. Klar ist, dass die Römer ihre Weine würzten, meist direkt am Tisch, also liegt es gar nicht so fern, dass irgendwo in der Anlage ein solcher gelegen hatte. Die effektive Bauweise der Römer, wurde mir da erst richtig klar, als wir versuchten, mit einem selbst hergestelltem Mörtelgemisch ein Loch in der Mauerwand wie ein Puzzle wieder zusammenzufügen. Die Schieferplatten aus dem Stein, der hier an der Mosel auf wunderschönste Art die Berge in den Himmel wachsen lässt, wurden wie Fischgräten vermauert, was die Mauern stabilisierte und das Hochsteigen von Feuchtigkeit verhinderte.

Der neu angelegte Kräutergarten im früheren Fumarium mit der schadhaften Mauer im Hintergrund.

Die schadhafte Stelle wird begutachtet.

…und repariert.

Wieder einmal gehe ich mit einer Ladung Staunen nach Hause. Wie fortgeschritten wir zu sein meinen, wie primitiv wir vergangene Zeiten beurteilen, wo doch gerade die Römer mit ihrer Technik und ihrer Intelligenz unser Land bereicherten und die Fundamente unsere Zivilisation schufen. Gerade dort an der Mosel, wo die Menschen gerne Römer gewesen waren, und sowohl ihre Bräuche als auch Fragmente ihrer Sprache die Geschichte überlebten.

Ja, ihr Römer – Michael, Greta und ich haben uns um eure geliebten Weinkeltern gekümmert. Ich hoffe, ihr habt zugesehen.