Pilger, Pest und ein Brunnen unter dem Friedhof
Annamarie und Annarose – die Zwillingsbabys vom Münsterplatz
Autor: Michael Kuhn MA
Einige faustdicke Überraschungen erwarten die Archäologen und Grabungshelfer vom AAA beim Abschluß der Arbeiten am Münsterplatz. Dabei bewegte vor allem das Schicksal eines ganz früh verstorbenen Zwillingspärchens die Gemüter aller Beteiligten. Darüber hinaus gelang der Nachweis eines Brunnens und direkt unter dessen Sohle der Corpus einer Römerstraße, die zum Zugang der Münsterthermen führte.
Mit einigen faustdicken Überraschungen endeten die Grabungsarbeiten am Münsterplatz in Aachen, die im Frühjahr ihren Anfang genommen hatten. Ab März gruben sich die Helfer des AAA (Archäologischer Arbeitskreis Aachen) mit Unterbrechungen, die den diversen Festlichkeiten und Veranstaltungen in der Innenstadt geschuldet waren, durch viele Kulturschichten bis in die römische Zeit hinab.
Nach der Beseitigung des oberen Deckmaterials unter dem Straßenpflaster ging es an die akribische Untersuchung der Erdschichten des Friedhofs, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgelassen wurde, als man statt seiner den Ostfriedhof anlegte. Es kamen mehr als 60 Bestattungen zum Vorschein, die vom 12. bis ins 18. (andersherum!) Jahrhundert reichten. Neben sorgfältig angelegten Sargbestattungen konnte auch ein hastig angelegtes Massengrab aus dem späten 16. Jahrhundert dokumentiert werden, in dem mutmaßlich die Opfer einer Seuche (Epidemie) in aller Eile verscharrt worden waren. Es könnte sich um ein Ereignis der 70er Jahre des 16. Jahrhunderts handeln, das in einigen Quellen der Stadtgeschichte als Pest überliefert ist.
Das Fundmaterial reichte von Alltagsgegenständen über einige Pilgerutensilien bis hinzum Abbruchmaterial der römischen Domthermen, worauf die Auffindung einiger mit Goldfolie verzierten gläsernen Mosaiksteinchen hinweist. Neben Keramikresten, die hauptsächlich zur Datierung der Bestattungen beitragen, gab es auch eine ansehnliche Menge an Votivgegenständen zu verzeichnen, die in erster Linie auf das Pilgerwesen anlässlich der Heiligtumsfahrten hinweisen. Dazu zählen Überreste von Aach- oder Wetterhörnchen, Pilgerzeichen, Jakobsmuscheln und Perlen von Rosenkränzen, die einigen Verstorbenen in die Hände gelegt wurden. Als besonders spektakulär ist die Entdeckung und Bergung zweier Säuglingsskelette zu betrachten. Umfangreichen Recherchen ist es zu verdanken, dass wir vielleicht sogar ihre Namen kennen. Es könnte sich um die Zwillinge Annamarie und Annarose Gutmesch handeln, die laut dem Tauf- und Sterberegister von St. Foillan im 18. Jahrhundert hier beigesetzt wurden. Anthropologen und Restauratoren des LVR-Landesmuseums und der Universität Bonn halfen tatkräftig bei der Freilegung und Bergung der Skelette. Vielleicht können durch die nun folgenden Untersuchungen weitere wichtige Erkenntnisse erwartet werden.
Während die erste Baumgrube hauptsächlich Bestattungen freigab, konnten in der zweiten Grube einige Aufsehen erregende architektonische Befunde gemacht werden. Da ist zum einen die Immunitätsmauer der Stiftskirche (heutiger Dom) zu nennen, die den weltlichen vom kirchlichen Rechtsraum trennte. Sie diente dann zwangsläufig auch als Friedhofsmauer.

Rechts unten ist auf einem Stich des 17. Jahrhunderts sehr gut der Aufbau des Brunnens zu erkennen.
Direkt an die Mauer schlossen sich die Spuren eines kleinen Gebäudes an, dessen Funktion vorerst unklar blieb. Es wurde unter anderem über einen überdachten Zugang zum Friedhof spekuliert, wie es eine Darstellung auf einem Stich des 17. Jahrhunderts nahelegt. Eine sandige Verfüllungsschicht innerhalb der als Schacht hinabführenden Mauern deutete auf die Verfüllung eines Brunnens hin, was durch eine Humusschicht über der Sohle bestätigt wurde. Es handelte sich um einen Brunnen, der wohl zur Versorgung der Pilger an dieser Stelle angelegt wurde. Ein unangenehmer Beigeschmack bleibt nicht aus, wenn man bedenkt, dass der Brunnen durch Grundwasser gespeist wurde, das durch die Bestattungen zumindest zeitweise stark belastet gewesen sein muss.

Die Brunnenschacht an der Mauer der Stiftsimmunität.
Der Brunnen gründete schließlich auf einer dichten Schicht aus Feuersteinkies, die ein Versickern des angesammelten Wassers verhinderte. Bei näherem Ansehen entpuppte sich diese Schicht als der Belag einer römischen Straße, wie sie bereits mehrfach in der Aachener Innenstadt festgestellt worden war. Dieses Straßenstück korrespondiert mit dem Verlauf der römischen Straße, die unter der heutigen Ursulinenstraße in Richtung der Domthermen nachgewiesen wurde. Leider erlaubte es die inzwischen erreichte Grabungstiefe nicht, den Straßenkörper in seiner gesamten Höhe zu untersuchen.

Die Sandverfüllung und die darunter liegende Humusschicht im Brunnen. Darunter sieht man den aus Feuersteinkies bestehenden Belag der römischen Straße.
Die Grabungen in den Pflanzlöchern zogen die ganze Zeit über ein riesiges Interesse der Öffentlichkeit nach sich. Unzählige Passanten stoppten an den Bauzäunen und stellten den anwesenden Archäologen und Helfern viele Fragen zu ihrem Tun. Die an den Bauzäunen angebrachten Informationen des städtischen Fachbereichs für Kommunikation und Stadtmarketing erläuterten zusätzlich die Grabungen. Zusammenfassend kann man konstatieren, dass wieder ein bedeutsames Puzzleteil der Aachener Vergangenheit freigelegt und dokumentiert wurde. Vielleicht wird die anstehende Bearbeitung der geborgenen Funde noch die eine oder andere wichtige Erkenntnis bringen.

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