Ob die Römer wussten, was sie da verbrannten?

Autorin: Annika Schneider
Unsere Autorin Annika Schneider war dieses Mal in heimatlichen Gefilden unterwegs. Ihre Schilderung der römischen Kalkbrennanlage von Iversheim schließt eine wichtige Wissenslücke. Der hier gewonnene Kalk war unverzichtbar für die antiken Baumaßnahmen in der näheren und weiteren Region.

Ich hätte es mir denken können. Schließlich deuteten die Felsen am Weg schon darauf hin. Doch erst, als uns ein netter Herr an der Tür empfing und uns eine Führung anbot, wurde mir bewusst, dass wir auf unserer gesamten Wanderung den Spuren eines UNESCO-Welterbes gefolgt waren.

Man will es heute kaum glauben: Dort, wo ich neulich von Bad Münstereifel auf Umwegen bis nach Iversheim wanderte, erstreckte sich einst ein Flachmeer, dessen Küste bis nach Aachen reichte. So gesehen war es gar nicht mehr ganz so verwunderlich, dass wir auf unserer Route über Eschweiler an einem hoch aufragenden Steinbruch vorbeikamen, der uns die Urmeere auf eindrucksvolle Weise näherzubringen schien. Man braucht sich nur zu bücken und ein Stück Gestein aufzuheben, das vor rund 380 Millionen Jahren entstanden ist. Es ist voller Abdrücke der Bewohner des Devon, deren Leben und Tod darin seine Spuren hinterlassen haben.

Wir gehen weiter, und langsam dämmert es mir: Die sogenannte Kalkkuppenlandschaft rund um Iversheim legt sich weich und hügelig übers Land. Natürlich. Kalk. Das Korallenriff. Muscheln, Skelette, Korallen, gestorben, verfestigt und gefaltet – davon las ich auf den Tafeln. Schicht für Schicht und Stück für Stück setzte sich die Bedeutung für mich zusammen, als wir bei sonnigstem Wetter langsam unserem Zielort näherkamen: der römischen Kalkbrennerei in Iversheim.

Hierzu möchte ich erwähnen, dass die Römer dieses Riff nicht als Steinbruch nutzten, sondern das wertvolle Material in den umliegenden Kalkmulden abbauten. Damit bewiesen die Römer wieder einmal ihre Bedeutung für den Fortschritt der Menschheit. Die geübten Praktiker waren die ersten, die in dieser Gegend Bauten aus Bruchsteinen und Ziegeln errichteten.

Wer schon einmal in den Dolomiten war, weiß, woher ihr Name rührt, denn auch sie hat das Meer geformt. Es war in erster Linie das Militär, vor allem die 30. Legion aus Xanten, das das Potenzial des Dolomitkalks in der Nordeifel erkannte. Aber auch die Legio Minervia aus Bonn hat hier vor Ort ihre Spuren hinterlassen. Vor allem Weihesteine belegen die Existenz dieser Einheiten. Ihr Erzeugnis, der Branntkalk, wurde während 150 Jahren über 200 Kilometer in alle Richtungen verhandelt.

Einer der 6 Öfen

Es klingt fast wie Ironie, dass ausgerechnet der Bau einer modernen Wasserleitung die Überreste einer römischen Domäne freilegte und damit die Zeugen ihres Gewerbefleißes ans Licht brachte.

1960 begannen an den Bahngleisen die Vorbereitungen für die Verlegung einer Wasserleitung, als man plötzlich auf die Überreste von sechs römischen Brennöfen, Hinweise auf eine Kantine, die Grundmauern eines Arbeitslagers und bunte Wandfragmente stieß.

Für 4 € pro Person bezahlen wir nicht nur den Eintritt, sondern bekommen auch eine spontane Führung. Zuerst möchte der sachkundige Guide uns einen der Brennöfen zeigen, der außerhalb der Museumsmauern liegt. Überdacht und wieder aufgebaut, hat man an ihm erforscht, wie die Römer damals den Kalk mit höchstem physikalischem Wissen brannten.

Und wieder frage ich mich, welcher Zufall dazu geführt hat, dass sie wussten, was sie zu tun hatten, und dass sie überhaupt etwas mit diesem Gestein anfangen konnten. Und wieder erkenne ich: Nur weil wir Jahrhunderte weiter sind, sind wir nicht unbedingt die intelligenteste Generation.

Der Zugang für die Befeuerung

Wie funktioniert nun ein solcher Brennofen? Zunächst wurde ein Gerüst in den Ofen gebaut und darauf die Steine passgenau verlegt. Sodann wurde das Gerüst entfernt. Zurück blieb eine kuppelförmige Konstruktion im Ofen. Darauf wurde der Kalkstein geschichtet und unter der Kuppel ein Feuer entfacht.

Auf diese Weise konnte experimentellarchäologisch nachgewiesen werden, wie lange es dauerte, bis eine Brenntemperatur von 1000 °C erreicht wurde und welches Holz sich als günstigster Brennstoff erwies.

Das Modell zeigt einen mit Dolomitgestein gefüllten Ofen. Beim Brennen verliert das Gestein nicht nur Wasser, ihm wird auch CO₂ entzogen, sodass es mehr als die Hälfte seines Gewichts verliert.

Das Dach über dem Ofen war anders als heute dem Hang zugewandt. Das begünstigte einen stetigen Luftzug, der die Hitze im Ofen hielt.

Rückstände von Mangan

Ich möchte nicht zu viel verraten und kann nur empfehlen, der Kalkbrennerei mit einem kurzen Abstecher die Ehre zu erweisen. Denn die Nutzung von Physik und Chemie für eine antike Massenproduktion lässt das Völkchen, das vor so langer Zeit diesen Fleck Erde zu seiner Heimat erwählte, immer wieder in einem hellen Licht erstrahlen. Es bedarf nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Menschen an diesen Öfen gearbeitet und gehustet haben und abends den Ruß in ihren Kehlen mit einem würzigen Gesöff herunterspülten.