Dem Vergessen entrissen

Eine römische Weinkelter an der Mittelmosel

Autor: Michael Kuhn MA
Kurzbericht zum Grabungsbericht über die zweite Ausgrabung in der östlichen Römerkelter in Erden, Landkreis Bernkastel – Wittlich
EV 2017,114


Vollständiger Grabungsbericht als PDF
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Ein Team von Archäologen, Historikern und Archäologiebegeisterten blickte über die Hotelterrasse auf das andere Ufer der träge dahinfließenden Mosel, wo sich die Konturen eines verfallenen Gebäudes abzeichneten. Die Vorfreude, aber auch der Respekt vor der bevorstehenden Aufgabe stand allen Beteiligten im Gesicht geschrieben.

Es waren mehr als zwanzig Jahre vergangen, seitdem ein Grabungsteam des Trierer Landesmuseums unter der Leitung von Dr. Gilles an dieser Stelle die Überreste von zwei römischen Weinkeltern ausgegraben hatte. Zuerst waren fünfzig Meter flussaufwärts die Überreste einer ersten Kelter bei Flurbereinigungsmaßnahmen entdeckt, ausgegraben und durch einen aufwendigen Schutzbau gesichert worden.

Bei der Anlage eines Parkplatzes war man dann völlig überraschend auf die zweite Kelter gestoßen. Der Befund wurde seinerzeit wissenschaftlich untersucht und nach Beendigung der Arbeiten wieder mit Erde verfüllt. Trotzdem ragten die römischen Außenmauern der Anlage an manchen Stellen noch meterhoch in die Luft, was in den Folgejahren unzählige Steinräuber und Raubgräber anlockte, die sich aus dem entwendeten Material so manchen Gartengrill fertigten. Ein einmaliges Denkmal römischen Alltagslebens drohte unwiederbringlich verloren zu gehen. Deshalb fasste der Förderverein Römerkelter e. V. Erden unter der Leitung des Winzers Stefan Justen den Entschluss, die Überreste wieder freizulegen und durch einen Schutzbau zu sichern. Einen nicht unerheblichen Beitrag zur Finanzierung der Maßnahme leistete der Bremer Ratskeller, zu dem eine enge Kooperation seitens des Fördervereins besteht. Auf den Rebhängen oberhalb der Keltern wachsen die Trauben des „Bremer Senatsweins“.

Unter Beteiligung der Gemeinde wurde ein Konzept erarbeitetet, mit dessen ehrenamtlicher Umsetzung der Historiker Michael Kuhn M.A. und die Archäologin Dr. Tanja Baumgart beauftragt wurden. Unterstützt wurden sie dabei von freiwilligen Helfern aus nah und fern.

In den folgenden Tagen machte sich das Grabungsteam daran, zuerst den Bewuchs und danach die Erdverfüllung zu entfernen. Innen- und Außenmauern, die Kelterbecken und ein aufwendiges Heizungssystem in einem Nebenraum kamen in schweißtreibender Arbeit wieder zum Vorschein. Begleitet wurden die Arbeiten von Dr. Lars Blöck vom Trierer Landesmuseum, der öfters vorbeischaute, um den Fortgang der Grabung zu begutachten.

Leider musste man feststellen, dass der Befund an einigen Stellen aus oben erwähntem Grund gelitten hatte. Teile der Außen- und Beckenmauern sowie einige architektonischen Details wie die Rohrverbindung zwischen den beiden Auffangbecken wurden teilrekonstruiert, um die Funktionalität der Anlage sichtbar zu machen. Das Zeichnen, Vermessen und die Dokumentation der einzelnen Arbeitsschritte rundeten die Arbeiten ab.

Über die Sicherung des Befundes hinaus wurden auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen. Der Raum mit dem Heizsystem wurde als einer von zwei Eckrisaliten eines Vorgängerbaus aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr. gedeutet, dessen Pendant am anderen Ende der Anlage wohl noch unter einem Weinberg verborgen liegt. Im Ganzen ergibt sich so das Bild einer sogenannten Villa Rustica (römischer Bauernhof) mit vorgelagerter Porticus, die erst im 4. Jahrhundert n. Chr. in eine Weinkelter umgewandelt wurde.

Das Vorhandensein von zwei Keltern auf so engem Raum erklärt man sich mit einem gestiegenen Bedarf. Die westlich gelegene Kelter wird etwas später datiert (4. Jahrhundert). Die Kapazitäten der in den östlichen Vorgängerbau eingebauten Produktionsanlage werden wohl nicht mehr ausgereicht haben, um den gestiegenen Bedarf zu decken. Nicht von ungefähr pflanzten die Römer dort ihren Wein, wo sich noch heute die besten Lagen befinden (Erdener Treppchen).

Kurz nach dem Ende der Grabungsarbeiten wurde der Schutzbau errichtet, der den archäologischen Befund zum einen sichert, zum anderen aber auch der Öffentlichkeit sichtbar macht. In einer Feierstunde wurde der Bau im Oktober 2017 unter dem Beisein der Ministerpräsidentin Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Oberbürgermeister Dr. Sieling (Hansestadt Bremen) eingeweiht.

Es vergeht heute kein Tag, an dem nicht Radfahrer und Autotouristen bei der Anlage anhalten, um einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Die Einrichtung eines kleinen Museums nebst einer Tagesgastronomie in der westlichen Kelter soll den Komplex der Römerkeltern in Erden bald zu einem touristischen Highlight machen.       (mk)