Den Fluten entstiegen
Der Römerhafen bei Königswinter
Autor: Michael Kuhn M.A.
Eine sommerliche Hitzwelle von annähernd 35° läßt nicht nur den Schweiß fließen, sondern bringt auch unverhoffte Dinge ans Licht des Tages. Genauer gesagt enthüllen die fallenden Pegelstände des Rheins eines der spektakulärsten archäologischen Geheimnisse des unteren Mittelrheins. Gemeint ist der Römerhafen von Königswinter, dem unser Autor im wahrsten Sinn auf denm Grund gegangen ist.
Seit Jahrhunderten thront der altehrwürdige Drachenfels über den Fluten des Rheines. Was er dieses Jahr zu sehen bekommt, muss diesem mystischen Berg der Deutschen ein gedankenschweres Kopfschütteln und ein wissendes Staunen abnötigen. Das Kopfschütteln ist den immer mehr sichtbaren Folgen des Klimawandels zuzuschreiben. Was sich wie gewohnt als mächtiger Strom zu seinen Füßen vorbeiströmte, ist in diesem Jahr zu einem bedauernswerten Rinnsal verkommen. Wo bleibt nur der Regen, der diesem entwürdigendem Schauspiel endlich ein Ende bietet? Aber wie bei vielen Ereignissen dieser Art gibt es auch hier eine zweite Seite. Die ins Bodenlose gefallenen Pegel haben ein in den letzten Jahrzehnten nur wenig gesehenes archäologisches Bodendenkmal ans Tageslicht gebracht. Die Rede ist vom römischen Hafen bei Königswinter.

Der bereits in römischer Zeit genutzte Steinbruch am Drachenfels. Darunter einer der nördlichsten Weinberge des Mittelrheins, an dessen Rebstöcken das sagenhafte Drachenblut reift. Foto mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Warum aber ein Hafen auf der anderen Seite des Rheins, der damit außerhalb der Grenze des Imperiums lag?
Der Grund ist in den Steilhängen unterhalb des Drachenfels zu suchen, dessen Felswände vom jahrhundertelangen Abbau des hier anstehenden Trachyt-Gesteins zeugt. Ein steinerner Rohstoff, der gut zu bearbeiten und trotzdem über eine hohe Festigkeit verfügt. Dere Abbau des vulkanischen Gesteins ist seit augusteisch-tiberischer Zeit belegt. Viele Grabmäler und Weihesteine weisen mit ihren Inschriften in das 2. Und 3. Jahrhundert. Der Betreiber der Steinbrüche am rheinseitigen Abhang des Siebengebirges dürfte im römischen Militär zu suchen sein. Im Vergleich zum mittelalterlichen Abbau dürfte die römische Steingewinnung jedoch nur gering gewesen sein.
Ab dem 11. Jahrhundert lassen sich Werksteine und Bauzier aus Trachyt nachweisen. Die Steinbrüche waren im Besitz der Burggrafen vom Drachenfels, dessen Ruinen sich noch heute als Inbegriff der Rheinromantik über den steilen Felswänden erheben. Der Abbau des begehrten Trachyts erswtreckte sich über das späte Mittelalter und die Frühe Neuzeit bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Betrieb des Steinbruchs wurde erst im Jahre 1829 eingestellt, weil man um den Erhalt der berühmten Ruine fürchtete. Bis dahin wurden die gebrochenen Blöcke mit Karren zum Rhein geschafft und vielleicht von Hand oder mittels eines stationären Kranes auf Frachtkähne verladen. Ein Verfahren, das für den Mittelrhein auf zahlreichen Stichen und Gemälden festgehalten und auch bereits für die römische Zeit denkbar ist.
Das Vorhandensein einer Schiffslände oder eines Hafens in unmittelbarer Nähe des Steinbruchs war unabdingbar für den Abbau und den Abtransport des gewonnenen Steinmaterials. Dieser Standortvorteil war unterhalb des Drachenfels in idealer Weise gegeben. Und das an einer Stelle, die heute bei Niedrigwasser ein halbrundes, festes Plateau freigibt, das seit römischer Zeit als feste Anlegestelle für Lastschiffe diente.
Es ist bisher nicht geklärt ob dieses Plateau natürlich oder durch menschliches Zutun entstanden ist. Auf den gewachsenen Felsboden aus Devonschiefer hat sich ein Gemisch aus größeren und mittleren Kiessteinen abgelagert. Rammkernsondagen auf der Mitte und an den Rändern des Plateaus ergaben eine feste Auflage von 0,50 bis 1 m Höhe. Eine ähnliche Ufersituation liegt am römischen Legionslager von Bonn vor, dessen Entstehung durch Menschenhand anhand zahlreicher Bleifunde gesichert ist. Zwischen dem uferseitigen Plateaurand and und der Wasserlinie inmitten des Flusses zieht sich eine parallel zur Strömungsrichtung verlaufende ca 30 cm tiefe Rinne, die sich im Laufe der Jahrhunderte durch Überflutung herausgebildet hat. Der Auftrag von zahlreichen Trachytbrocken auf dem früheren Hafengelände, die bei Niedrigwasser sichtbar werden, ist nicht durch eine natürliche Ablagerung sondern vielmehr durch menschliches Zutun zu erklären Ob es sich dabei um Reste von Mauern oder um Fundamentverstärkungen früherer Ein- und Aufbauten aus römischer bis frühneuzeitlicher Zeit handelt, ist nicht mehr zweifelsfrei zu klären. Datierende Beifunde wie Keramik oder Münzen wurden nicht gemacht und sind auch wegen der Strömungen bei normalen Wasserständen nicht zu erwarten. Die Auffindung möglicher Uferverstärkungen im Bereich der Anlandungszonen sind bei zukünftigen Untersuchungen nicht auszuschließen.


Das Plateau mit den Trachytböcken bei Noedrigwasser. Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Zuammenfassend lässt sich feststellen: trotz des Fehlens eines ausgeprägten Hafenbeckens lässt sich durch die Existenz eines Festgesteinsplateaus, das bei den niedrigeren Wasserständen in römischer Zeit zumeist trocken lag und des Vorhandenseins der künstlich eingebrachten Trachytbrocken die römische Verladefläche genau an dieser Stelle zu verorten ist.
Literatur
- Grabowski, Die Trachyt-Steinbrüche vom Drachenfels im Siebengebirge. In: J. Bemmann/M. Mirschenz (Hrsg.),
Der Rhein als europäische Verkehrsachse II. Bonner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie 19 (Bonn 2016) 69–135.
– W. Leischner, Das Natur- und Bodendenkmal Untiefe „Reih“ und ihr Ende als „Römer-
hafen“ am Drachenfels (Königswinter 2015).
– M. Mirschenz, Römisches Blei im Fokus der Hafenforschung. In: J. Bemmann/M. Mirschenz (Hrsg.), Der Rhein als europäische Verkehrsachse II. Bonner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie 19 (Bonn 2016) 225–248.
– J. Röder, Römische Steinbruchtätigkeit am Drachenfels. Bonner Jahrbücher 174, 1974, 509–544. –
Th. Roggenkamp, Der Rhein zur Römerzeit. Wasserstände und Abflüsse des
Mittel- und Niederrheins. Forschungen. Geographie und Landeskunde 264 (Leipzig 2016).
Bericht

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