Der Friedhof am Dom

Eine Stadtgrabung im Zentrum Aachens

Die Grabungsfläche 1 am Dom

Autor: Michael Kuhn MA

Wann immer man in der Aachener Innenstadt den Spaten ansetzt, muß man damit rechnen, auf wertvolle Relikte der Vergangenheit zu stoßen. So war es auch dieses Mal am Dom, als man sich daran machte, zwei alte Pflanzbecken in unmittelbarer Nähe zur Chorhalle  zur Aufnahme zweier neuer Bäume vorzubereiten. Bereits im Vorfeld war entschieden worden, dass dies eine Aufgabe der Stadtarchäologie sei, weil vor Ort mit Funden zu rechnen war. Also machten sich der Stadtarchäologe und seine Helfer vom Arbeitskreis Archäologie Aachen (AAA) an die Arbeit. Was dort bereits nach wenigen Tagen ans Tageslicht kam, übertraf alle Erwartungen.

Einer Sturmnacht im Jahre 2023 fielen zwei Bäume in der Aachener Innenstadt zum Opfer. Ihre Pflanzgruben dienten über zwei Jahre lang der Anlage von Blumenrabatten, bis endlich der Weg zu einer Neuanpflanzung gebahnt war. Ein wünschenswerter Vorsatz in einer Zeit, die immer mehr unter den Folgen des Klimawandels leidet. Jeder Schatten und jedes Stück Grün hilft dabei, die Temperaturen in der Innenstadt während der heißen Sommermonate zu senken.

Für die Archäologie bedeutet diese Neuanpflanzung eine der seltenen Gelegenheiten, einen Blick in die Vergangenheit der Innenstadt zu werfen. Es besteht die Hoffnung auf neue archäologische Erkenntnisse in der nächsten Umgebung des Domes. Vielleicht ergeben sich sogar wertvolle Erkenntnisse über die karolingische und römische Bebauung an diesem Ort.

Bevor wir nun die ersten Spatenstiche begleiten, möchte ich vorher noch einen kurzen Überblick über die Erkenntnisse geben, die über die Geschichte des Münsterplatzes bekannt sind. Leider ist die Quellenlage über diesen Teil der Innenstadt recht dünn. Bildnerische Darstellungen der östlichen Fläche des Platzes in Form von Zeichnungen und Stichen fehlen leider völlig oder sind nicht bekannt. Der heutige Münsterplatz wurde erst in Napoleonischer Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seiner heutigen Form angelegt. Bekannt war, dass große Areale der heutigen Fläche zu Bestattungszwecken genutzt wurden. Die letzten Beisetzungen fanden zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts dort statt. Mit der Anlage des Ostfriedhofs verlagerte sich das Bestattungsgeschehen vor die östliche Besiedlungsgrenze der stark wachsenden Stadt.

Das erste Planum (Foto mit frdl. Genehmigung von Greta Lahn)

Zu allererst waren es die abgestorbenen Wurzeln der hier früher beheimateten Bäume, die das Interesse der zahlreichen Zuschauer im Zentrum der Innenstadt weckten. Zu Dutzenden drängten sie sich an den zum Schutz aufgebauten Bauzäunen. „Habt ihr schon was gefunden?“ war die am häufigsten gestellte Fragen zu Beginn der Arbeiten. Bald schon wich die Neugierde jedoch einem verhaltenen Gruseln, als die ersten Knochen und schließlich ganze Skelette in der tiefer werdenden Grube sichtbar wurden. Bald schon bestimmten die einsetzenden Diskussionen um eine pietätvolle Behandlung der sterblichen Überreste der hier Bestatteten die Gespräche an den Zäunen und den Gazetten der Stadt. Ganz zu Schweigen von dem Sturm in den sozialen Netzwerken. Die Geduld des Stadtarchäologen Andreas Schaub und seiner unermüdlichen Helfer vom Archäologischen Arbeitskreis Aachen (AAA) wurden auf so manche Bewährungsprobe gestellt.

Schicht um Schicht wurde untersucht, fotografiert und gezeichnet. Das dabei anfallende Erdmaterial wurden in Eimern nach oben geschafft und von den Helfern des AAA sorgfältig nach Funden durchsucht. Unentbehrliche Arbeitsgeräte waren hierbei ein Metalldetektor und die für den Archäologen unentbehrliche Grabungskelle. Viele Knochenfragmente kamen dabei ans Licht des Tages, sowie einige Metallfragmente und Keramikscherben, die Licht in die Zeitstellung der Schichten brachten. Nichts was die Sensationslust der Zuschauer befriedigen, aber manch interessantes Fragment, dass die Herzen der Ausgräber höherschlagen ließ.

Zur Erinnerung: die Zeit, in der den Toten wertvolle Beigaben ins Grab gelegt wurden, waren seit den Karolingern Geschichte. Auffällig war der Fund mehrerer Jakobsmuscheln. Sie weisen ihren Besitzer als Pilger aus, der hier an seinem Sehnsuchtsort den Strapazen seiner Reise oder einer ansteckenden Krankheit erlegen ist.

Ein wohl römischer Würfel aus dem durcheinandergeworfenen Erdreich. (Foto mit frdl. Genehmigung von Andreas Schaub)

Es konnten auf diese Weise Bestattungen von der Wende zum 19. Jahrhundert bis hin zu solchen des 13. Bis 14. Jahrhunderts nachgewiesen werden. Besonders deutlich sind an der Form der Bestattungen die Notzeiten und Krisen abzulesen, welche die Bevölkerung Aachens regelmäßig heimsuchten. In ruhigen und friedlichen Zeiten wurden die Toten in regelmäßigen Reihen bestattet, deren Ausrichtung sich im Laufe der Zeiten änderte. In der Regel wurde in Holzsärgen bestattet, von denen sich wegen der durcheinander geworfenen Erdschichten nur wenige Erdverfärbungen nachweisen ließen. Verlässlicher war hingegen das Vorhandensein von Eisennägeln, die einen eindeutigen Hinweis auf Sargkisten lieferten. Es gab aber auch Zeiten, in denen die Verstorbenen ohne große Sorgfalt in Massengräbern geworfen wurden. Eines dieser Ereignisse dürfte die Pest von 1575 gewesen sein, die in der Stadt tausende von Opfer forderte. Wobei der Name „Pest“ in diesem Zusammenhang mit Vorsicht zu betrachten ist. Wenn viele Menschen an einer ansteckenden Krankheit erkrankten und starben sprach man von der Pest. Dabei war es unerheblich, ob es sich vielleicht auch um eine Grippewelle, die Cholera, Typhus oder um eine andere Pandemie handelte. Aufschluss dürfte vielleicht die Untersuchung der Skelette bringen.

Die erreichte Eingriffstiefe setzte schließlich den Arbeiten in der ersten Grube ein Ende, bevor der Belegungsbeginn des Friedhofs erreicht wurde. Das Vorhaben, bis in karolingische und römische Schichten vorzudringen, musste in diesem Grabungsabschnitt leider unterbleiben. Dies bezüglich ruhen die Hoffnungen auf die zweite Grube, die in den nächsten Wochen und Monaten das Interesse von Ausgräbern und Zuschauern wecken wird. Besondere Spannung verspricht die weitere Freilegung der früheren Immunitätsmauer und damit auch der Friedhofsbegrenzung des früheren Marienstiftes, die bereits bis zu einer Tiefe von einem halben Meter freigelegt wurden. Wir werden weiter berichten.

Immunitätsmauer des Marienstiftes. (Foto mit frdl. Genehmigung Michael Kuhn)