Weißenburg in Bayern

Die ärmste Reichsstadt

Der Marktbrunnen am Rathaus (alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors).

Autor: Michael Kuhn MA

Die ärmste Reichsstadt offenbarte sich bei meinem Besuch als ein romantischer Ausflug in die Vergangenheit. Lasst euch von dem Zauber einer perfekt erhaltenen Stadt aus dem Mittelalter in ihren Bann ziehen. Und das außerhalb der großen Tourismusströme, die sich auf Rothenburg, Dinkelsbühl und andere Orte an der Romantischen Straße beschränken. Ich garantiere allen Lesern ein ungeahntes Erlebnis bei der Entdeckung einer der schönsten Städte Mittelfrankens.

Es gibt sie noch, diese Orte, die anmuten, als wären sie einem Märchen der Gebrüder Grimm entsprungen.

Buntes Fachwerk, Plätze mit plätschernden Brunnen, kopfsteingepflasterte Straßen und Gassen, Butzenscheiben, durch die das Licht der Stuben nach draußen fällt, der warme Schein altertümliche Laternen, ein stolzes Rathaus und ein wuchtiger Kirchturm. Eine beinahe lückenlose Stadtmauer mit Türmen und Toren schützt dieses Kleinod aus längst vergangenen Tagen. Darunter das Ellinger Tor, eines der schönsten seiner Art in Mittelfranken. Über der Stadt thront auf der der Höhe der Fränkischen Alb die Wülzburg mit ihren Bastionen aus dem 16. Jahrhundert. Im ersten Weltkrieg diente die Festung der Unterbringung von Kriegsgefangenen, als deren prominentester der spätere französische Staatspräsident Charles de Gaulle anzusehen ist.

Die Gasthäuser tragen noch die Namen altehrwürdiger Symbole wie den Reichsadler und edlem Hochwild wie Hirsch und Bär, deren Erlegung zumeist dem Adel vorbehalten war. Unter dem Wandbild eines Sommerfrischlers, der mit seinem Netz Schmetterlingen nachstellt, verzehrt ein Gast in der holzgetäfelten Gaststube das für die Region unvermeidliche Schäufelchen und leert dazu einen Krug schäumenden Bieres.

Bevor wir die Stadt kennenlernen, möchte ich ein paar Worte zu ihrer Geschichte beifügen. Bereits die Römer errichteten hier in unmittelbarer Nähe des Limes ein mächtiges Lager, dessen Überreste gut sichtbar im Norden der Stadt freigelegt und teilrestauriert wurden. Einer frühen Holz-Erde -Feste folgte dann im 3. Jahrhundert ein kompletter Aus- und Neubau in Stein. Im Umfeld des Lagers entwickelte sich ein Vicus und eine großzügige Thermenanlage, die ausgegraben und mit einem Schutzbau versehen ist. Sowohl die Thermen als auch das Römermuseum im Zentrum der mittelalterlichen Stadt sind zu besichtigen. Bekannt wurde Weißenburg auch durch den Fund des Silberschatzes, dessen Exponate im Römermuseum ein komplettes Stockwerk einnehmen. Das Ende des römischen Weißenburg kam mit der Aufgabe des rätischen Limes im letzten Drittel des 3. Jahrhunderts. Eine weitere Besiedlung ist erst wieder in merowingischer Zeit belegt. Eine Art Königshof soll hier in fränkischer Zeit bestanden haben. Der Legende nach soll sich Karl der Große zwei Mal in Weißenburg aufgehalten haben, um die Fortschritte beim Bau der Fossa Carolina, einer künstlichen Wasserverbindung vom Main zur Donau, zu begutachten.

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes datiert in das Jahr 847. Rechtlich gesehen fungierte Weißenburg von den Saliern bis hin zu den Staufern als Königsgut. Die Entwicklung zu einer Art städtischer Ansiedlung begann im 12. Jahrhundert. Im Jahre 1262 wurde die aufblühende Ansiedlung in Folge einer Fehde restlos zerstört, jedoch umgehend wieder aufgebaut. 1296 erfolgte dann die Ernennung Weißenburgs zur Freien Reichsstadt. Der Prozess der Stadtwerdung und die weiteren Geschicke der Stadt lassen sich anschaulich im kleinen Reichsstattmuseum verfolgen. Hier kann man auch ergründen, warum die Stadt als die ärmste Reichsstadt bezeichnet wurde. Eine erste Stadtbefestigung aus dem 12./13. Jahrhundert wurde im 14. Jahrhundert auf den heutigen Umfang erweitert. Ein bis zu 30 m breiter, teilweise noch heute gefluteter Graben, und Dutzende Türme, von denen sich 38 erhalten haben, schützten die aufstrebende Reichsstadt gegen äußere Feinde. 1327 wurde die gotische St. Andreas Kirche eingeweiht. Das in der Blütezeit der Stadt entstandene Rathaus wurde aus den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts am Marktplatz errichtet. Der dreigeschossige gotische Bau gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt.

Im Jahre 1530 schloss sich Weißenburg durch die Umsetzung der Confessio Augustana der Reformation an. Der Reformator Melanchthon hielt sich höchstpersönlich zwei Mal in der Stadt auf. Im Dreissigjährigen Krieg wurden die Stadt und die Wülzburg mehrfach erobert und geplündert. Zuerst verheerten die Scharen des Generalissimus Tilly im Jahre 1631 Stadt und Umland. Ein Unglück, dass sich kurz vor dem Ende des Krieges im Jahre 1647 wiederholen sollte. Im ausgehenden 17. Und im gesamten 18. Jahrhundert fiel die Stadt in einen „Dornröschenschlaf“, aus dem sie erst im 19. Jahrhundert wieder erwachte. 1806 verlor Weißenburg schließlich mit der Abwicklung des Deutschen Reiches seinen Status als Reichstadt und wurde dem Königreich Bayern zugeschlagen. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Stadt bis auf einen Bombenangriff im Februar 1945 mehr oder weniger unbeschadet.

Heute zählt Weißenburg mit allen Stadtteilen um die 18.000 Einwohner und ist damit die größte Stadt im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Die Altstadt wurde in den vergangenen Jahrzehnten vollständig unter Denkmalschutz gestellt und zählt zu den bedeutendsten touristischen Sehenswürdigkeiten der Region. Ein Attraktion, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen darf.

Ein Rundgang ist dabei das geeignete Mittel die Schönheit und den Zauber dieses verwunschenen Kleinods zu erkunden. Den Beginn bezeichnet das Ellinger Tor, das als einziges der Weißenburger Stadttore die Jahrhunderte überdauert hat. Den Durchgang der Vorburg schmückt ein Reichsadler, der uns daran erinnert, dass wir eine freie Reichstadt betreten. Eine inzwischen gepflasterte Brücke überspannt den Festungsgraben und führt zum Durchgang des mächtigen Viereckturmes, dessen Fallgitter und Torflügel Feinden und unliebsamen Besuchern den Zugang verwehrten. Zu beiden Seiten des Tores sind hinter Einbauten und Bäumen die Mauern und Türme der Stadtumwallung zu erahnen.

Das Ellinger Tor. Der Zugang in die Reichsstadt.

Weiter geht es zu einem Platz, der vom wuchtigen Turm von St. Andreas überragt wird. Hier befinden sich in unmittelbarer Nähe das Römer- und das Reichstattmuseum. Wir folgen der Straße nach links in Richtung des gotischen Rathauses.

Der Weg zum Gotischen Rathaus.

Vorbei am Rathaus geht es zum Marktplatz, der von prachtvollen Fachwerkhäusern umrahmt wird. Dann geht es zurück zum Rathaus und an daran vorbei auf einen weiteren, leicht abfallenden Platz, den ein prächtiger Brunnen an der rückwärtigen Fassade des Rathauses ziert.

Der Marktplatz.

Es geht jetzt hinab zur Spitalkirche, die einen mit ihrem weißen Anstrich und ihrem barocken Turmhelm am unteren Ende des Platzes in ihren Bann zieht. Die Straße passiert das Spitaltor, das als Durchlass durch den Kirchturm dient.

Spitalturm und Spitaltor am unteren Ende des Platzes.

Es geht weiter zum Ausgang der Altstadt, dort wo sich früher das im 19. Jahrhundert abgebrochene Frauentor befand. Rechts und links des früheren Tores erstrecken sich die vollständig erhaltenen Mauern und Türme der Stadtmauer, deren Verlauf man durch gepflegte Grünanlagen kilometerweit folgen kann.

Stadtmauer und Türme aus dem 14. Jahrhundert.

Zurück zum Marktplatz empfiehlt sich unbedingt ein Besuch eines oder aller hiesigen Museen, ehe man sich in einem der gemütlichen Terrassen oder Gaststuben eine wohlverdiente Stärkung gönnt. Eine Übernachtung in einem der gemütlichen Hotels oder Gasthöfe und ein abendlicher Spaziergang durch die romantisch erleuchteten Gassen und Plätze machen den Aufenthalt in der früheren Reichsstadt zu einem unvergesslichen Erlebnis.