Le buchette del vino –

ein Spaziergang der anderen Art durch Florenz

Ein Weinloch in der Via dei Geppi.

Autorin: Ulrike Neumann M.A.

Wenn man eine Reise tut dann kann man was erleben…

Das gilt in diesem Fall für Florenz. Der oder die Reisende erwartet große Kunst und Kultur und stolpert dabei über eine Kuriosität, die man so an diesem Ort nicht erwartet hätte. Lasst euch überraschen.

Weinlöcher? Etwa „Das Weinloch“? Nein, die beliebte in der Unteren Straße gelegene Heidelberger Studentenkneipe, seit Generationen ein Anziehungspunkt durstiger Studiosi, hat keinen Bezug zu einer buchetta del vino der toskanischen Hauptstadt.

Das Florentiner Weinloch ist eher eine List, ein Ausweg in dramatischen Lebenssituationen. Geboren in den Pestepidemien zu Beginn der 30er Jahre des 17. Jahrhunderts, erlaubte es den kontaktlosen Einzelhandelsvertrieb gleich aus dem Keller heraus. Anonym und mit einem Schälchen Essig als (un)wirksamem Desinfektionsmittel für die gezahlten Münzen, konnte das Getränk diskret ausgehändigt werden. Eine Flasche, also nicht irgendeine, sondern die als fiasco bekannte Korbflasche, passt so gerade hindurch …

Aber nicht nur die Pest führte zu einer Verbreitung der Weinlöcher, sondern auch die turbulente Wirtschaftssituation des 17. Jahrhunderts, die die reichen Florentiner Familien zwang, ihre Aktivitäten in das Umland zu verlagern, sich unter anderem dem Weinbau zu widmen. Die Cantinetta Antinori, nur ein Beispiel unter vielen, ist sicher jedem Weinliebhaber ein Begriff.

Die buchette dienten aber auch dazu, an die Ärmsten der Gesellschaft neben einem Gläschen eine Mahlzeit auszuteilen, was auch erklärt, warum sie sich sehr häufig in den Fassaden der Stadtpaläste der Florentiner Aristokratie finden.

Wiederbelebt wurden die Überlebenden vergangener Tage während der Corona-Pandemie. Wer mit offenen Augen durch die verwinkelten Gassen des Zentrums, besonders aber jenseits des Arno, in Oltrarno, im Viertel rund um die Kirche Santo Spiríto, unterwegs ist, erkennt sie bald von weitem. Gemeinsam ist ihnen in der Regel ein steinerner Rahmen mit Rundbogen, manchmal wird er zum gedrückten Spitzbogen, glatt oder in Rustika, in dem sich eine Nische verbirgt.

Auch das gibt es: ein hölzernes Weinloch in einer Holzpforte.

Es gibt sie sogar immer noch in Funktion. Ein Weinloch mit angeschlagener Getränkekarte.

Zweckentfremdet durch eine Klingelplatte.

Selbst das geschieht: einfach zugeparkt.

Aus der auch heute noch beachtlichen Anzahl an buchette – 180 sollen es noch etwa sein – kann man schließen, dass die Florentiner eifrig Bacchus huldigten. Wein war eh viel gesünder als Wasser. Es bestand kein Risiko, sich mit Keimen zu infizieren, und offensichtlich hat er auch sonst keine bleibenden Schäden angerichtet. Heißt es doch, Michelangelo sei nahtlos von der Mutterbrust an – leicht verdünnten – Wein gewöhnt worden.