Die Villa Buth – Endstation zum Holocaust

Ein Denkmal kämpft um sein Überleben

Foto von Leon Franke.

Autor: Michael Kuhn MA
Die Villa Buth, eine denkmalgeschützte Fabrikantenvilla aus dem 19 Jahrhundert, ist das einzige „Judenhaus“, das noch in der Region erhalten ist. Dieser wichtige Erinnerungsort an die finstere Zeit des Nationalsozialismus ist gefährdet, weil der Inhaber den Abriss des Gebäudes beschlossen hat.

Das Schwarzbuch der Deutschen Stiftung Denkmalschutz liest sich wie ein Horrorszenario. Es werden dort die Denkmäler aufgelistet, die aus den unterschiedlichsten Gründen keinen Platz mehr in unserem Leben hatten und unwiederbringlich zerstört wurden. Daneben ist die überschaubare Liste der geretteten Zeugnisse unserer Vergangenheit nur ein schwacher Trost. Am größten ist die Auflistung der Denkmäler, die in ihrem Bestand gefährdet sind und mit deren Verlust gerechnet werden muss, wenn die Bemühungen um ihre Rettung scheitern sollten.

Eines dieser bedrohten Denkmäler steht im beschaulichen Jülich-Kirchberg. Es ist die Villa Buth, eine prächtige Fabrikantenvilla vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieser im Neorenaissancestil errichtete Prachtbau besticht durch seine imponierenden Ausmaße und künstlerische Gestaltung. Alleine deshalb steht sie unter Denkmalschutz, was aber nur einen geringen Anteil ihres Wertes für unsere jüngere Vergangenheit darstellt.

Das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Gebäudes begann im März 1941 und endete mehr als ein Jahr später im Juli 1942. In dieser Zeit wurden hier jüdische Bürger aus dem raum Düren, Jülich und Erkelenz interniert.

Eine über 2 Meter hohe Mauer war bereits im Vorfeld der Aktion errichtet worden. Im „Judenhaus“ lebten zeitweise über 100 Insassen auf engstem Raum, die in der Umgebung Zwangsarbeit verrichten mussten. Es war für mehr als 150 Juden die letzte Station vor ihrer Deportation in die Konzentrationslager, unter anderem in das KZ Theresienstadt und von dort weiter ins Vernichtungslager Treblinka. Nahezu alle in der Villa internierten Menschen kamen ums Leben.

Über die im Vordergrund nur verschwommen sichtbare Mauer wurden den Internierten von mitfühlenden Anwohnern Lebensmittel und andere Hilfsmittel zugesteckt. Foto von Leon Franke.

Dieser Weg führte zu einem Laden, in dem die Internierten unter Aufsicht ihre Lebensmittelkarten gegen Lebensmittel einlösen konnten. Lediglich zwei der ca. 90 Insassen durften mit Lebensmittelkärtchen Nahrungsmittel einkaufen. Man fragt sich, wie zwei Menschen für 90 weitere Personen Lebensmitteln transportieren sollen. Da liegt es nahe, dass man sich für Kartoffeln entscheidet, jedoch war es den jüdischen Insassen untersagt Kartoffeln zu „kaufen“. Foto von Leon Franke.

In den Jahren nach dem Krieg diente die Villa als Unterkunft für Arbeiterfamilien der nahen Papierfabrik. Seit dem Beginn der 2000er Jahre steht sie leer und ist einem allmählichen Verfall ausgesetzt.

Es ist einem Schulprojekt von Lehrern und Schülern des Heilig-Geist-Gymnasiums in Würselen zu verdanken, die in den Jahren 2017/2018 den Schleier des Vergessens um dieses düstere Kapitel unserer Vergangenheit lüfteten. Es entstand ein ambitioniertes Literaturprojekt, welches das damalige Verbrechen dokumentierte. „Villa Buth-Endstation zum Holocaust“ erschien erstmalig im Jahre 2019 und ist im Jahre 2024 vom Ammianus-Verlag aus Aachen neu aufgelegt worden. Zwei weitere Podcast-Projekte sind im Jahre 2024/2025 an der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule in Kohlscheid sowie am Heilig-Geist-Gymnasium entstanden. Die SchülerInnen führten gemeinsam mit den Lehrkräften Interviews mit zwei Zeitzeuginnen und Exkursionen unternahmen zu den Handlungsorten in Region. Am Ende des Schuljahres waren so Podcast-Folgen entstanden, in denen der Erhalt der Villa Buth, die Geschichte der Villa Buth, die Relevanz unserer Erinnerungskultur sowie die Villa Buth als künftige Gedenkstätte thematisiert wurden.

Im Dezember2023 drangen erstmals Gerüchte und dann die Gewissheit an die Öffentlichkeit, dass die Villa Buth abgerissen werden sollte. Der Eigentümer sah sich außerstande, eine dringende Sanierung des Gebäudes zu leisten. Stattdessen soll das Gelände als Bauland für eine Firmenerweiterung dienen.

Die Aussicht auf die dauerhafte Zerstörung der Villa Buth löste anhaltende Proteste in der Bevölkerung und den zuständigen Denkmalbehörden aus. Es bildete sich ab Januar 2024 ein Bündnis von vier Bürgervereinen, die dazu aufriefen, die Villa zu einem Erinnerungsort der unseligen NS-Zeit zu machen. Inzwischen haben sich die zuständigen Denkmalbehörden, der Petitionsausschuss des Landtags von NRW, die Aufsichtsbehörde des Kreises Düren und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für den Erhalt des Denkmals ausgesprochen und empfehlen, die Villa zu einem Erinnerungsort zu machen. Es liegen auch bereits unterschiedliche Finanzierungs- und Nutzungsmöglichkeiten als Gedenkstätte vor. Zum Holocaustgedenktag am 27. Januar 2024 fand vor Ort ein Schweigemarsch statt, dem im Mai die Übergabe einer Petition mit 1400 Unterschriften an den Jülicher Baudezernenten folgte. Es ist noch offen, ob die Villa Buth erhalten bleiben kann. Die Initiative zum Erhalt der Villa Buth wird weiterhin alles Mögliche dafür in Bewegung setzen, dass die Villa erhalten bleibt. Wir werden Sie/Euch fortwährend von den weiteren Ereignissen informieren.

Ohrndorf, Timo (Hg.), „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“

ISBN 978-3-9826226-0