Ein paar Stunden Mittelalter … und Backfisch
Der Weihnachtsmarkt zu Kronenburg
Autorin: Annika Schneider.
Jedes Jahr am ersten Adventwochenende verwandelt sich das beschauliche Kronenburg in einen Weihnachtstraum. Einwohner, Vereine und Freunde packen mit an, um diesen romantischen Auftakt in die Weihnachtszeit jedes Jahr aufs Neue zu inszenieren. Begebt euch mit unserer Autorin auf eine zauberhafte Reise in die Nordeifel.
Wir sitzen in einem Café. Ein Ritter in Rüstung steht in meinem Rücken. Ich starre an die hohe Decke, verliebe mich in den Holzboden und bewundere die verstrebten Fenster, die fast über die ganze Wand reichen. Mein Blick hindurch begegnet einem nackten Kastanienbaum und den bewaldeten Hügeln dahinter. Dort, wo der Nebel herankriecht, über die Felder krabbelt und sich um die knorrigen Äste schmiegt, inszeniert die Regie des kalten Tages die mystische Eifel.
Mit jedem neuen Gast, der das Café betritt, wird die Luft dicker und ich erinnere mich an unsere kühle Anreise. Wie uns der Duft willkommen hieß, der nur einmal im Jahr die Menschen scharenweise aus ihren beheizten Häusern lockt. Überredet von gewürztem Wein, öligen Pilzen und Mandeln, die für mich nur in diese Zeit passen. Das Besondere soll bleiben. Wie der Klang aus drei Hörnern, der uns den Weg wies und uns wissen ließ: Es weihnachtet sehr.
Ihr denkt jetzt wohl: ein Weihnachtsmarkt wie jeder, überall findet sich dasselbe. Dann passt es wohl gut, dass mein Kaffee ausgetrunken ist, meine Begleitung die letzten Reste Sahne von den Lippen getupft hat und wir nun gestärkt sind, euch das Gegenteil zu beweisen. Wieder dick eingemummelt treten wir vor die Tür. Unter meinen Füßen unebenes Kopfsteinpflaster. Und als ich aufsehe, bin ich über 400 Jahre zurückgereist.

Fachwerk wohin man schaut.
Spätestens jetzt müssen meine Augen mit dem Herrnhuter Stern um die Wette geleuchtet haben.
Einem Fachwerkhaus zu meiner Rechten liegt eine schmale Gasse zu Füßen, über die ich das längst verhallte Echo hölzerner Räder rattern höre. Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Frau, die aus der schweren dunklen Tür tritt, über Pferdemist steigt und sich den Mantel enger zuzieht. Sie ist auf dem Weg in die Messe, die nach ein paar Schritten erreicht ist. Hinter mir liegt das romantische Eifelhotel Villa Kronenburg, das ich gerade verließ und dessen erste Steine von einem fleißigen Menschen im 18. Jahrhundert verlegt wurden. Vor mir, ein Stück Mauer.
Wenn euch das immer noch nicht an Besonderheit überzeugt, dann will ich euch sagen, was ich empfand, als mein Begleiter mir nicht zu viel versprochen hatte.
Mit einem Shuttle reisten wir bequem und schnell an den Kronenburger Weihnachtsmarkt. Ich wusste um eine winzige Burgruine und dass der Weihnachtsmarkt berühmt sein sollte. Ich erwartete nicht mehr als Überfüllung und Überangebot, wie bei jedem anderen adventszeitlichen Wahnsinn. Doch dann passierten wir die Alphörner, die bereits jedes Härchen auf meinem Arm vor Freude aufspringen ließen. Wir liefen auf eine Mauer zu, die einen halbrunden Durchlass bot und in dessen Stein die Einkerbungen der Schwerter und Messer als Gruß bis heute sichtbar sind.
Wir betraten den Burgbering und standen nun genau dort, wo Menschen vor Jahrhunderten ihren Alltag bestritten. Zu beiden Seiten reiht sich Haus an Haus. Manche bewohnt, viele so alt, dass sie Geschichten erzählen könnten, die wir nicht hören wollen. Ich stand auf dem Boden, der schon 1277 begangen wurde. Den ein Herr Gerlach von Dollendorf und Kronenburg besaß, verarmt führte und dessen Geschlecht 1414 schließlich wirtschaftlich gestärkt ausstarb. Wir liefen durch die Gassen, passierte bunte Fenster und diese Laternen, die auf eine ehemalige Gastronomie schließen lassen.
Nun gehen wir den Weg hinauf. Ich beäuge hölzerne Stände, mit weniger kommerziellen Gegenständen, als ich sie von den typischen Weihnachtsmärkten kenne.
Warum das so ist, erfahre ich später. Erst einmal werde ich abgelenkt. Von den eisernen Ranken eines angelehnten Tores, welches unter einer von Moos bewachsenen Mauer hervorlugt und meine Fantasie befeuert.

Ein verwunschenes Portal zur Burg.
Der Himmel ist grau, der Rauch einer Feuertonne vermischt sich mit dem Dunst der Täler und verfolgt unsere Sohlen, die sich einen kurzen Hang hinaufarbeiten. Über alte Steine bis ganz nach oben, die ehemalige Malerschule von Werner Peiner unter uns lassend.
Die Ruine auf dem höchsten Punkt – im 18. Jahrhundert von der Bevölkerung als Steinbruch missbraucht – wurde schon 1307 als Vorburg erwähnt. Aufrechtstehende Türme, Fensterbögen und flache Mauern lassen erahnen, wie die Kronenburg hier triumphiert haben musste. Bevor es nur ums Überleben ging, statt die Romantik solcher Mauern zu genießen. Von hier aus, kann ich die Häuser im Burgbering wunderbar überblicken. Schale für Schale und Schicht für Schicht offenbaren sie mir das Werden der einzelnen Bauvorhaben, Anbauten und Ausbauten aufgrund einer stetig wachsenden Bevölkerung. Und alles hat hier oben begonnen. Bis es außerhalb der Mauern weiter ging, bis zur heutigen Zeit. Von Wachstum und Zerstörung. Von Leben und Lachen, Miteinander und Gegeneinander, Gesprächen und Liedern, bis hin zu Stille und Tod. Sicherlich schimpfen die Geister der Vergangenheit über uns und schütteln die Köpfe, wenn das Blasorchester moderne Weihnachtslieder und alte Schinken durch ihre alten Gassen jagt.

Fachwerkgasse.
Hier wohnen bis heute Menschen, ein belebtes Museum, in dem die Vorstellungskraft keine Mühen hat, das Vergangene zu erkennen. Hinter offenen Scheunentoren bieten Ortsansässige wunderschöne Krippenfiguren, Gebäcke, Kleider aus Filz und Kunst, eingebettet in sanfter Beleuchtung und atmosphärischer Dekoration an. Hier und da wärmen Feuer oder es wird in brodelnden Kesseln gekocht.
Es ist ein Miteinander, das ich fühle, etwas Echtes, Natürliches, dem ich auf keinem anderen Weihnachtsmarkt begegnet bin.
Von Vereinen getragen und von den Bewohnern selbst mit Leben gefüllt.

Das heutige Warenangebot.

Krippen und Zubehör, so weit das Auge reicht.
Bei wem die Weihnachtsstimmung noch nicht so recht wirken will, der sollte diesen Markt besuchen. Kein aufgezwungener Rentiergesang aus mechanisch bewegten Köpfen, keine Massenabfertigung an den Glühweinständen. Authentische Weihnachtsgefühle in harmloser Umgebung. Die allgegenwärtige Geschichte, wohin das Auge reicht und eine gute Organisation, schwappt euch ohne Umwege zum Weihnachtsbaumkauf.
Wir haben alles gesehen, in jeder Gasse gesucht, was sich noch verstecken könnte, gut gegessen und uns über nette Begegnungen gefreut. Ein letztes Mal werfe ich einen Blick zurück zwischen die Häuser. Ein letztes Mal stelle ich mir vor, wie sie, die, die ein anderes Leben geführt haben, hier zwischen diesen Türen, Scheunen und der gotischen Kirche umherwandelten. Dann beschließen wir zu gehen.
Die Ruine der Kronenburg beobachtet uns auf Schritt und Tritt. Ragt dicht hinter den Köpfen der Fachwerkhäuser auf, ist uns nah, wie ein Bewohner der Ringmauer selbst. Sie will nicht vergessen werden, will uns sehen lassen, wie prächtig sie gewacht hat.
Und mir wird dieser Besuch so schnell nicht mehr aus den Knochen weichen.

Der Blick hoch zur Burg.

So sah es hier früher aus.
Bericht


Ein poetisch wunderschöner Text, der neugierig auf einen Besuch in Kronenburg an sich und auf jeden Fall auf den Weihnachtsmarkt macht! Wer will nicht vom Zauber der Adventszeit umfangen werden, umgeben von historischen Mauern! Besser geht es nicht!!!!
Nachtrag zum meinem Kommentar:
Die anschaulichen Fotografien runden den Text sehr gut ab!!!!
Annika, ich bin einmal mehr von deiner sehr persönlichen Poesie beeindruckt. Deine ausgewogene und dabei ausdrucksstarke Wortwahl macht Bilder lebendig.
Liebe Grüße in deine Eifel.