Palestrina
Legendäre Mosaike der Antike
Autor: Ulrike Neumann M.A.
Wieder war unsere Autorin auf einer Exkursionsreihe. Dieses Mal in Italien. Anläßlich eines internationalen Symposiums weilte sie im mittelitalienischen Palestrina, das die römischen Mosaike zum Inhalt hatte. Wir verdanken ihr einen Bericht mit denkwürdigen Einblicken in das bildnerische Vermächtnis der römischen Mosaikkunst. Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre dieses fundierten und sachkundigen Beitrages.
Was flattert da spätabends in meine Mailbox? Eine Einladung zum jährlich stattfindenden Kongress der Italienischen Vereinigung zum Studium und Erhalt des Mosaiks (AISCOM). Voller Spannung überfliege ich den Text und kann es kaum fassen. Treffpunkt wird im März 2026 das Archäologische Nationalmuseum von Palestrina sein. Ich zögere keinen Augenblick, buche Unterkunft und Verkehrsmittel und überlasse mich der Vorfreude, endlich einmal das berühmte Nilmosaik mit eigenen Augen betrachten zu können.
Praeneste, eines der Terrassenheiligtümer aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert. So gelegen, dass man vom Heiligtum der Fortuna Primigenia aus bei gutem Wetter das Meer sehen kann. Also genauer gesagt Anzio, wo in der Antike wohlhabende Römer ihre Villen besaßen.
Ein genialer Architekt war dort am Werk. Sicher muss man ihn im Umfeld der in Rom tätigen griechischen Baumeister des späthellenistischen „Barock“ suchen. Mit Umsicht und Meisterschaft nutzt er die Hanglage und entwickelt ein monumentales Ensemble, das sich über sechs Terrassen den Hügel hinauf erhebt.
Am Fuß, dort wo heute der Dom Sankt Agapito an der Westseite der Piazza Regina Margherita aufragt, muss sich in spätrepublikanischer Zeit das Forum befunden haben. Bereits für das 4.-3. vorchristliche Jahrhundert ist dort ein Kultort attestiert. Als Rückwand der römischen, vierschiffigen Basilika, rechts vom heutigen Dom an der Piazza gelegen, diente der natürliche Fels, der durch Halbsäulen gegliedert wurde.

Blick auf die „Basilika“. Links im Bild, die rückwärtige an den Felsen angelehnte Wand mit den vorspringenden Halbsäulen (alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Ulrike Neumann.)

Blick auf die Grotte mit dem Fischmosaik.
An den Extremitäten befanden sich kleinere Räume, links eine Orakelgrotte, die sogenannte antro delle sorti, auf deren Boden sich heute noch das teilweise erhaltene Fischmosaik befindet. Rechts schloss sich an die Basilika ein Saal mit halbrunder Apsis an, in der das legendäre Nilmosaik ursprünglich seinen Platz hatte. Diese beiden Mosaike von außerordentlicher Schönheit möchte ich dem Leser ans Herz legen.
Das Fischmosaik, il Mosaico dei Pesci, hat seinen originären Ort, ein in den Felsen hineingegrabenes Nymphäum, nie verlassen. Am weitesten entfernt vom Betrachter sind die Meeresbewohner dargestellt, die in den tiefsten Gewässern leben, hier ist der Hintergrund deutlich dunkler, das Wassert tiefer.

Detail des Fischmosaiks
Es handelt sich also um eine realistische Darstellung, die auf genauer Beobachtung beruht. Nanu, was macht denn hier die Landschildkröte? Die muss sich verirrt haben …

Die berühmte Schildkröte.
Das Mosaik ist mit teilweise winzigen Tesserae verlegt, nicht größer als ein Stecknagelkopf, was ihm den Anschein, kleinteiligster Malerei gibt. Dasselbe gilt auch für das Nilmosaik, il Mosaico del Nilo, das seinen Aufenthaltsort im Laufe von über zwei Jahrtausenden mehrfach gewechselt hat. Gefunden wurde das Mosaik wohl um 1600, als die Barberini die Geschicke Palestrinas leiteten. Es wurde in Teile zerlegt, nach Rom verbracht und wechselte mehrfach den Besitzer, bevor es 1640 nach Palestrina zurückgeschafft wurde. Das spätrepublikanische Terrassenheiligtum war längst von einem Renaissancepalast mit halbrunder Fassade gekrönt, in dem heute das Archäologische Nationalmuseum untergebracht ist.
Die Größe des heute im höchsten Teil des Palastes ausgestellten Mosaiks entspricht nicht den Ausmaßen der Apsis, aus der es entnommen wurde. Es sind ganz sicher Teile verloren gegangen. Man kann auch nicht mit absoluter Wahrscheinlichkeit sagen, ob die heutige Anordnung der ursprünglichen entspricht, weil der Rücktransport von Rom nach Palestrina nicht sachgemäß erfolgte. Bucklige Wege und ungefederte Ochsenkarren taten das ihre; leider wurden die Teilstücke verkehrt herum, mit den Tesserae nach unten, befördert, sodass sich viele ablösten und daher eine genaue Rekonstruktion unmöglich ist.
Gezeigt wird die Nillandschaft von der Quelle bis zur Mündung, 6000 km auf einer Fläche von knapp sechs Metern Höhe zusammengefasst. Ein Art Google-Maps der Epoche. Botanische Details werden ebenso wie architektonische wiedergegeben. Szenen aus dem Alltagsleben, Jagd und Fischfang, werden genauso dargestellt wie Menschen und Tiere, die entlang des Flusses lebten. Wie praktisch: sollte man sich nicht sicher sein, ob es denn wirklich ein Nashorn ist, das den Blick auf sich zieht, alles ist stets griechisch beschriftet (ΡΙΝΟΚΕΡΟΣ) und hilft auch bei Fabelwesen weiter. Im oberen Teil dominieren Landschaft und Natur, im mittleren tritt man in die ägyptische Gesellschaft, eine von Architektur geprägte Kulturlandschaft, ein. Sollte der Tempel rechts etwa der Ptah-Tempel in Memphis sein?

Vermutliche Darstellung des Ptah-Tempels in Memphis.
Im unteren Teil betreten wir die Gegenwart der Entstehungszeit, die Welt der Ptolemäer. Die Architektur ist griechisch, nichts spricht dagegen, dass die Hafenanlage Alexandria mit dem berühmten Leuchtturm auf der kleinen vorgelagerten Insel Pharos darstellen könnte. Ein Meisterwerk. Einzigartig. Sollte Kleopatra es mit eigenen Augen gesehen haben?

Dieser Ausschnitt zeigt u. a. griechisch gekleidete Soldaten, was für eine Darstellung des Hafens von Alexandria sprechen dürfte.
Religiosität? Fehlanzeige. Mensch und Natur stehen im Mittelpunkt, griechisches Gedankengut, Kenntnisse, Wissen. Sogar ein Nilometer findet sich in der Darstellung, ein Höhenmesser für den Pegel des Nils, der zur Prognose der Nilschwemme diente.
Vielleicht war es ja doch ein Isistempel, den das Mosaik ursprünglich schmückte.Perspektive? Nein, nicht im Sinne einer Linearperspektive, sondern eine Hervorhebung einzelner Elemente gemäß ihrer Bedeutung. Aus zirka zwei Millionen Tesserae setzt sich das Nilmosaik zusammen, gläserne Mosaiksteine fanden keine Verwendung, es gilt aber als sicher, dass die Farbe der Steine zum Teil behutsam nachgetüncht wurde.
Malerisch am Südabhang der Monte Penestrini gelegen, etwa 40 km südöstlich von Rom, und problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, ist Palestrina ein lohnendes Ziel. Die Gesamtanlage des Heiligtums ist imposant, die Mosaike sind von beeindruckender Detailfülle und realistischer Beobachtungsgabe geprägt, das Museum hält eine erstaunliche Sammlung von Fundstücken aus Grabungen in der Umgebung bereit. Sollte ihr Reisegefährte sich dafür nicht begeistern können, dann ist er vielleicht Musikliebhaber und Sie könnten ihn damit ködern, den Geburtsort des berühmten Giovanni Pierluigi, genannt Palestrina, zu besuchen. Eine positive Auswirkung auf die Gesundheit ist allemal garantiert: 58 „Stockwerke“ bezeugte meine Gesundheits-App am zweiten Tagungstag, schnaufend über Treppen und Rampen auf dem Weg vom Forum zum Barberini-Palast zusammengetragen.

Flußpferde und Krokodile.

Uferszene.

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