Von Tunnelgräbern und Gegengräbern
und ein toter Kardinal in der Salzkiste
Autor: Annika Schneider
Eine junge Frau geht mit gesenktem Schritten durch den Regen, um den Tropfen keine Angriffsfläche zu bieten, bis sie unvermittelt den Kopf hebt. Es bietet sich ihr dann ein Anblick, der am Anfang dieses eindrucksvollen Berichts über ein von Meer und Sturm umtostes Schloß steht. Je mehr sich unsere Autorin dabei in die Geschichte dieser malerischen Ruine vertieft, umso faszinierender werden die Erkenntnisse, die sie gewinnt und uns nicht vorenthalten möchte. Wenn eine eine Reise tut, dann…
Es war einer dieser Begegnungen, bei denen man nicht damit rechnet, dass einem der Atem stockt. Dieses um die Ecke biegen, und abrupt anhalten, um seine Kinnlade festzuhalten. Eine Begegnung, die dich nicht nur in ihren Bann zieht, sondern dir auch noch eine ungeahnte, irre Geschichte erzählt.
Sekunden vor diesem Moment litt ich Qualen. Ich fror und an meinem Hosenbein kletterte die Nässe empor. Den Blick hielt ich starr zu Boden gerichtet, um mein Gesicht vor dem meerkalten Wind zu schützen. Ich weiß nicht mehr, weshalb ich mich traute aufzusehen. Aber als ich es tat, kam es mir vor, als würde ein Sonnenstrahl durch die graue Wolkendecke stechen. Dort, vor der rauen schottischen See, bescherte mir dieser Anblick eine der schönsten Erstbegegnungen seit langem. Das Skelett eines Schlosses. Die Ruinen von St. Andrews Castle.

Die Autorin vor dem Eingang zum Innenbereich. Rechts und links im Durchgang befinden sich die jeweiligen Gegentunnel.
Zuerst befanden wir den Eintrittspreis als zu hoch (umgerechnet ca. 12€) und gingen wieder. Doch als wir die Ruinen erneut passierten und mir die Größe der Anlage bewusstwurde, erschien mir der Inhalt meines Portemonnaies nebensächlich. Nach einem netten Gespräch mit den Mitarbeitern (Scottish people are always nice) freute ich mich, das zu betreten, was sich vor den Meereswellen so dramatisch inszeniert hatte. Zuerst aber folgte ein unerwarteter Verzug: Wir betraten ein kleines Museum und folgten auf verwinkelten Wegen der Geschichte von St. Andrews. Ich erschrak vor allzu menschlichen Inszenierungen, einem Erlebnis auf kleinstem Raum, das von weit mehr als nur der Ermordung eines Protestantenverfolgers kündete, dessen Mörder sich im Mai 1546 in dem Schloss verschanzten. Sie berichten auch von den ikonischen Wiedereroberungsmaßnahmen, deren Relikte bis heute erhalten haben.
Die berühmte Kulisse dieser Geschichte, das Schloss St. Andrews, steht auf den Fundamenten eines früheren Baus aus dem Jahr 1200. Ein Bischof bzw. Kanzler erbaute das erste Bauwerk als Demonstration seines Renomées und wurde während des Unabhängigkeitskriegs zerstört. 1385 wurde es von einem neuen Bischof wieder aufgebaut.In den Jahrhunderten danach diente das Schloss als Residenz mächtiger Personen und Könige und feierte seine Blütezeit unter Erzbischof James Beaton (1522-1539), der dafür bekannt war, Reformatoren auf den Scheiterhaufen zu stellen.

Eine der lebensechten Darstellungen des Museums.
Die aufwühlenden Tage und Wochen, von denen ich erzählen möchte, ließen während dieser Zeit ihre Triebe und Knospen aus dem schottischen Boden sprießen.James IV, König von Schottland, fiel 1513 in der Schlacht von Flodden. Sein Sohn James V -katholisch- bestieg mit nur 17 Monaten, unter der Regentschaft der Hamiltons, den Thron. Bald schwappten Luthers Lehren in das Land jenseits der englischen Grenzen. Die Zahl seiner Anhänger, wie zum Beispiel Henry VIII von England, der berüchtigte „Ehefrauenverschleißer“, sagten sich von Rom los, während James V. der katholischen Kirche treu blieb.1539 stirbt Beaton. Sein Neffe und späterer Kardinal, David Beaton, übernimmt sein Amt und verbrennt seinerseits protestantische Prediger. Bis 1546. Als in den frühen Morgenstunden die Zugbrücke für die Anlieferung von Baumaterialen herabgelassen wurde, drangen mehrere Männer als Steinmetze verkleidet durch das Tor, ermordeten die Pförtner und warfen sie in den Graben. Das Schloss war genommen. Beaton bemerkte den Aufruhr und blickte aus seinem Fenster. Gierig und feige kümmerte er sich aber eher um sein Gold, als um sein Leben. Spätestens dann, als die Verschwörer in seine Räumlichkeiten eindrangen und ein Messer in seinem Körper rammten, wird er die Wahl seiner Priorität bedauert haben. Zur Anschauung präsentierten die Mörder seinen Leichnam auf einem der, von seinem Onkel erbauten, Artillerieblockhäuser. Die Reformation sollte jedoch, so brutal auch Beaton versucht hatte sie im Keim zu ersticken, vorangetrieben werden.

Das Verließ, in dem der ermordete Kardinal Beaton während der Belagerung in einer Salzkiste gelagert wurde.
Die Truppen des Earl von Arran (eine mächtige Adelsfamilie, benannt nach der Isle von Arran) belagerten daraufhin die Burg, um sie in seinen Besitz zu bringen und somit politische Kontrolle zu erlangen. Er versuchte gegen Ende 1546 einen Tunnel unter den Torturm zu graben. Dieses Vorhaben scheiterte aufgrund der Gegenmaßnahmen, die ein außergewöhnliches Gehör verlangten. Die Rebellen im Schloss begannen nämlich ebenfalls zu graben. Sie folgten den Hack- und Schaufelgeräuschen der feindlichen königlichen Mineure und stießen nach zwei Fehlversuchen, die bis heute erhalten sind, erfolgreich auf die Gegner.

Beginn einer der fehlgeschlagenen Gegenminen.
Lord Arran hatte aber noch ein weiteres Problem: Sein Sohn hatte sich, im Gegensatz zu seinem Vater, klar auf die andere Seite geschlagen. Er gehörte zu den Rebellen und hielt sich in der Burg auf. Ein Waffenstillstand folgte, während dem sich John Knox, der sich später als protestantischer Prediger etablieren sollte, den Rebellen anschloss. Ihm wurde die Freiheit zum Predigen gegeben, bis französische Unterstützer der Regenten, also auch der katholischen Kirche, übers Meer eintrafen und die Burg schwer beschossen. Schließlich ergaben sich die Rebellen. Einige wurden von den Franzosen gefangen genommen, Knox beispielsweise wurde von ihnen an die Ruderbank einer Galeere gekettet. Später kehrte er zurück und er hielt seine berühmte, wirkgewaltige Predigt in der Kathedrale von St. Andrews. So wie wir uns durchnässt und durchgefroren auf die Couch fallen lassen, so fielen an diesem geschichtsträchtigen Tag im Juni 1559 katholische Gemälde, Statuen und Grabsteine unter der Wut der angeheizten Kirchengemeinde. Das Schloss St. Andrews wurde geplündert. Die Reformation gewann ab dem Zeitpunkt, als sich das schottische Parlament 1560 vom Papst lossagte. Das Schloss verfiel darauf hin zur Ruine. Die aufgegebenen Überreste einer großen Geschichte gewinnen im Dahinschreite der Zeit ihre Faszination zurück. Sie zeugen von Ruhm und Fall. Gleichsam ein Leidensgenosse, auf dessen Rücken Religionen spekuliert wurden. Ein verwundetes, verstummtes Monument.
Den vergangenen Glanz erahnend, wette ich, während ich hier mit einem Tee und einer warmen Decke auf den Beinen sitze, dass die Meereswogen heute genauso wild gegen die Klippen schlagen wie damals. Ich kann nur empfehlen, falls Schottland als Reiseziel angedacht ist, die Universitätsstadt, das Schloss und seine Tunnel zu besuchen, die von dem zeugen, was heute, nach all den Jahrhunderten immer noch nicht besteht: In Frieden mit Menschen unterschiedlichster Überzeugungen zusammen zu leben. Ich habe mich jedenfalls in das kleine St. Andrews mit seinen mächtigen Ruinen verliebt, in der es noch viel mehr zu dieser bewegten Zeit zu entdecken gibt.

Das Gelände von St. Andrews Castle vor der rauen See.
Bericht

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