In aller Stille

Der Untergang der Rochuskirche und des Ortes in der heutigen Wüstung Wollseifen 1946/47

Blick in das „tote Dorf“ 2013, belgische Übungshäuser (Bild Andreas Züll).

Autor: Andreas Züll

Der Autor und Lyriker Andreas Züll schildert eindringlich und plastisch den Untergang des Eifeldorfes Wollseifen in der Nordeifel. Seine Familie stammt aus dem Ort in unmittelbarer Nähe des Rursees und der „Vogelsang“, so dass dieser Bericht  auch gleichsam als eine Begegnung und Aufarbeitung der eigenen Wurzeln anzusehen ist. Folgt dem Autor auf seiner besonderen Reise in die Vergangenheit.

Im Jahr 1936 feierte die Pfarre Wollseifen das dreihundertjährige Bestehen ihrer Pfarrkirche St. Rochus im Jahr zuvor. Im Einladungsbrief Pfarrer Wilhelm Heßlers hieß es voller Begeisterung für das bevorstehende Fest:

„Die Pfarrgemeinde will das große Jubiläum durch eine Vorfeier von drei Tagen mit Predigten vorbereiten und die Kirche zum Feste mit dem Grün und Blumenschmuck der Heimat zieren. Am Tage selbst wird die Gemeinde eine Jubiläumskommunion halten, wie sie die Pfarre noch nicht erlebt hat.“

Vor dem Festhochamt gab es einen „Umzug mit dem Allerheiligsten durch das geschmückte Dorf‘, eingeladen waren dazu „alle geborenen Wollseifener und Pfarrkinder aus nah und fern“, die ortsansässigen Gastwirtschaften May und Pleus stellten sich auf Besuch ein, „[m]it Rücksicht auf die begrenzten Raumverhältnisse in Kirche und Haus“ bat man gar darum, „den Besuch auf die in Wolseiffen geborenen Landsleute [zu] beschränken“. Es wird das letzte Jubiläum sein, das die Wollseifener in ihrer unzerstörten Heimat feiern können. Nach 1946 sollte das Rochusfest vor allem an eines erinnern: an den Jahrestag der Vertreibung. Denn während die Wollseifener das dreihundertjährige Bestehen ihrer ehrwürdigen Pfarrkirche begingen, feierte sich in unmittelbarer Nachbarschaft das nationalsozialistische Regime mit dem Bau der Ordensburg Vogelsang selbst. Das monströse Bauwerk wird auch das Schicksal des kleinen Dorfes und seiner Pfarrkirche bestimmen.

Wollseifen auf einer Ansichtskarte von 1920 (Sammlung Andreas Züll).

Zehn Jahre und einen schrecklichen Weltkrieg später wird niemand mehr feiern, wird Europa in Trümmern liegen und das in den letzten Kriegsmonaten stark zerstörte Wollseifen seinem Ende entgegensehen. Mit der Räumung des Dorfes im August 1946 endete auch die drei Jahrhunderte währende Geschichte der Pfarre, das Gotteshaus wurde zur Zielscheibe degradiert und brannte 1947 schließlich aus. Damit hätte die Geschichte der Rochuskirche ein trauriges Ende finden können.

Heutiger Zustand der Rochuskirche (Bild Andreas Züll).

Jedoch, ihr Gemäuer überstand die militärischen Übungen und blieb der Nachwelt erhalten. 1987 ließ die belgische Kommandantur auf Vogelsang die Ruine stabilisieren und mit einem neuen Dach versehen. Aus den Übungen wurde sie zudem weitgehend herausgenommen. Das alles „hat wesentlich dazu beigetragen, die weniger guten Erinnerungen leichter vergessen zu machen“, wie es in der vom Wollseifener Traditionsverein herausgegebenen Chronik „Das tote Dorf‘ heißt, die 2011 unter dem versöhnlichen Titel „Erinnerungen an Wollseifen“ noch einmal neu erschienen ist. So blieb die Kirche bis zur Auflösung des Truppenübungsplatzes 2006 erhalten. Freiwillige Helfer legten bald den unter dem Brandschutt von 1947 versiegelten Boden frei und gaben der Ruine dauerhaft ein neues Dach. Am 17. August 2008 feierten die noch lebenden Wollseifener mit zahlreichen Angehörigen die erste Messe in der sanierten Kirchenruine. Der damalige Schleidener Pfarrer Philipp Cuck, zu dessen Pfarre Wollseifen nominell auch heute noch gehört, hielt den Gottesdienst. Die Wüstung Wollseifen und die Ruine der Rochuskirche haben seitdem eine neue Bedeutung und als Erinnerungs- und Gedenkort im Nationalpark Eifel gleichsam auch eine neue Aufgabe bekommen. St. Rochus war 1635 auf Veranlassung des Schleidener Grafens Philipp von der Marck im Zuge der Rekatholisierung als Filialkirche von St. Johann Baptist in Olef gebaut worden, eigenständige Pfarrkirche war sie seit 1660. Jahrhunderte lebendigen dörflichen und kirchlichen Lebens folgten. In diesem Jahr hätte die Wollseifener Pfarrgemeinde ihren 390. Geburtstag gefeiert. Grund genug, die letzten Jahre dieser alten Pfarre noch einmal ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken.

Wollseifen vor dem Zweiten Weltkrieg, Mitte rechts das Haus der Familie Zöll und die zuletzt von Fritz Zöll geführte Gastwirtschaft (Sammlung Andreas Züll).

Frühere Ansicht der Kirche mit Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (Sammlung Albert Kruff).

1934 kam Wilhelm Heßler aus Emmerich nach Wollseifen. Er wurde der letzte Pfarrer an St. Rochus und somit gleichzeitig auch – wenn freilich ungewollt – zum Chronisten der letzten Jahre des Dorfes. Zu Beginn war bereits aus der Einladung Heßlers zum dreihundertjährigen Bestehen der Pfarrkirche zu lesen.

Pläne zur Erweiterung der Kirche mussten 1937 fallen gelassen werden, da der Bau des Westwalls Arbeiter und Material beanspruchte. 1938 wurden noch einmal Renovierungsarbeiten durchgeführt, der Kunstmaler Johannes Schmitz aus Hinsbeck malte den Innenraum der Kirche aus, die Trierer Künstlerin Kat Becker schenkte der Pfarre zudem neue Kreuzwegstationen. Im Jahr darauf wurde auch eine neue Orgel, hergestellt von der Firma Josef Weimbs in Hellenthal, aufgestellt. Es scheint fast so, als habe Heßler vorausgesehen, welche schlimmen Zeiten der Pfarre bevorstanden, als er anlässlich der Einweihung notierte: „Das Fest der Orgelweihe zeigte die Verbundenheit der Pfarrgemeinde als wirkliche Pfarrfamilie.“ Darunter: „September 1939 brach der Krieg aus.“ Im Folgenden füllte Heßler die Seiten der Pfarrchronik mehr und mehr mit den Namen gefallener Pfarrkinder, was bis zum August 1944 anhielt. Dann ging er von der Pfarrchronik zur Ortschronik über:

„Inzwischen brach die Atlantikfront zusammen und Ende 1944 war die Pfarre Wollseifen im Mittelpunkt des Kriegsgeschehens. Es gab weder am Tage noch in der Nacht Ruhe. Flüchtlinge aus dem Kreise Monschau ebenso wie die Einquartierung von immer mehr Militär, verursachten eine Überfüllung des Dorfes. Der schlimmste Tag war der 15. Dezember 1944. Ein Bombenteppich traf ziemlich genau. 34 Tote der Zivilbevölkerung forderte dieses Bombardement, auch viele Soldaten fanden den Tod, dazu eine Reihe vollständig zerstörter Häuser, darunter das Pfarrhaus, das einen Volltreffer erhielt. Meine Haushälterin., Frl. Rosalia Straeten aus Lobberich fand darin den Tod.“

Am Tag nach dem Bombardement Wollseifens begann die Ardennenoffensive. Noch einmal verschob sich die Front Richtung Westen, bis die deutschen Kräfte schließlich im Januar 1945 erschöpft waren. Gegen Ende der Ardennenschlacht traf auch ein weiterer Bombenangriff Wollseifen: „Ein zweiter Angriff größeren Ausmaßes durch Jabos erfolgte am 21. Januar 1945 und forderte sieben Todesopfer aus der Pfarrfamilie. Mehrere Tote forderte auch das ständige Artilleriefeuer.“

Bald darauf, am 3. Februar 1945, rückten amerikanische Soldaten in Wollseifen ein, die noch verbliebenen Zivilisten verließen das immer noch im Frontgebiet liegende Dorf:

„Noch etwa 80 Einwohner, darunter der Pfarrer, hatten sich den Räumungsbefehlen der Partei [der NSDAP, Anm. d. Verf.] widersetzt. Sie wurden von den Amerikanern nach Monschau bzw. Mützenich für fünf Wochen evakuiert. Diese Zeit genügte, um alles noch Erhaltene an Mobiliar usw. zu zerstören.“

Mit Ende des Krieges im Mai 1945 kehrten die Wollseifener allmählich in ihre Heimat zurück und begannen den Wiederaufbau. Auch die Kirche wurde mit einer neuen Bedachung versehen. Inzwischen aber hatte die britische Militärverwaltung Besatzungstruppen auf der gewesenen NS-Ordensburg Vogelsang stationiert und plante die Einrichtung eines Truppenübungsplatzes im umliegenden Areal. So brach im Herbst 1946 schließlich ein letztes Unglück über das Dorf herein:

„Und dann kam die größte Katastrophe, die die Pfarre treffen konnte. Am 1. September 1946 hatte der letzte Wollseifener seine Heimat verloren. Das ganze Dorf mußte geräumt werden auf unbestimmte Zeit und auf Befehl der Engländer bzw. der Militärregierung.“

Der letzte Wollseifener Küster Peter Thönnessen berichtet in der Chronik des Pfarr-Cäcilien-Vereins vom schweren Abschied von Dorf und Kirche:

„In aller Stille wurde das diesjährige Rochusfest gefeiert. Am Tage darauf war das Seelenamt für alle Verstorbenen, am Dienstag die letzte heilige Messe, die in Wollseifen gefeiert wurde. Das letzte Lied, das ich auf der schönen Orgel spielte, war das Lied Nr. 129: ‚O mein Christ, laß Gott nur walten … Wer auf ihn sich ganz verläßt, dessen Glück steht felsenfest.‘ In diesem festen Gottvertrauen verließen die Andächtigen mit Tränen in den Augen zum letzten Male das ehrwürdige Gotteshaus.“

Heßlers letzte Einträge in der Pfarrchronik indes fielen zunehmend knapper aus: „Inzwischen ist die Zerstörung des Dorfes fast vollständig. Die Einwohner sind an etwa 40 Orten des Kreises Schleiden untergebracht worden. Aussichten auf Rückkehr werden geringer.“ Zuletzt vermerkte er, damit sich gleichsam selbst historisierend, in der distanzierten dritten Person: „Pfarrer Heßler wurde, nachdem er im Anna-Klara-Haus in Schleiden zunächst eine Bleibe gefunden hatte, zum 1.10.1947 die Pfarrstelle in Lendersdorf übertragen.“ Ungefähr zur gleichen Zeit schrieb Thönnessen:

„Viele Häuser wurden bei Übungen in Brand geschossen, andere mit Panzern niedergewalzt. Von den Nachbardörfern Morsbach, Herhahn und Dreiborn sahen die Wollseifener zu, wie das Dorf immer mehr in Trümmern sank. Am Abend vor Fronleichnam 1947 brannte auch die Kirche. Die letzte Hoffnung war dahin. 0 Herr, erbarme dich unser!“

Die zerstörte Rochuskirche 1947 (Sammlung Albert Kruff).

312 Jahre waren vergangen, seitdem der Schleidener Graf den Bau der Rochuskirche veranlasst hatte. Nun waren Dorf und Pfarre Wollseifen mithin Geschichte. Pfarrer Heßler, der uns bisher als zuverlässiger Augenzeuge und Gewährsmann der letzten Jahre des Dorfes diente, hat die verbleibenden Tage und den Abschied in seinen Aufzeichnungen nicht mehr beschrieben. Ob ihm hierzu keine Zeit blieb oder ihm das hereinbrechende Schicksal allzu sehr niederdrückte, worauf die kürzer werden Einträge zum Schluss hindeuten – wir wissen es nicht. Küster Thönnessen notierte stattdessen: „Es war ein sehr schöner Sonntag – da war unser Dorf Wollseifen leer von Mensch und Vieh.“ Umstände und Verlauf der Räumung Wollseifens sind an anderer Stelle hinreichend dargestellt worden und so sei neben der bereits viel zitierten Chronik „Erinnerungen an Wollseifen“ auch auf Werner Rosens Aufsatz „Opfergang eines Dorfes“ im Euskirchener Kreisjahrbuch von 1986 verwiesen. Aus den Aufzeichnungen Thönnessens erfahren wir, dass das Interieur der Kirche zum größten Teil nach Herhahn und Einruhr verbracht wurde und so erhalten blieb. Die Orgel wurde zunächst nach Simmerath gebracht und später in Rollersbroich wieder aufgebaut. Die letzte den Wollseifenern bis dahin noch gebliebene Glocke, die Michaelsglocke aus dem Jahr 1652, kam nach Steckenborn, wo sie bis heute die Gläubigen zum Gebet ruft. Nominell existierte die Pfarre Wollseifen weiter im Namen der aus der bisherigen Rektoratsgemeinde Herhahn-Morsbach gebildeten Pfarre Wollseifen-Herhahn-Morsbach, sodass St. Katharina in Herhahn mit St. Rochus einen zweiten Patron bekam. Eine aus der Wollseifener Kirche stammende Statue des Pestheiligen ist bis heute in der Herhahner Kirche erhalten geblieben. Seit der Zusammenlegung verschiedener Pfarren der Umgegend in die GdG (Gemeinschaft der Gemeinden) Hellenthal-Schleiden gehört die ehemalige Pfarre unter dem Namen Wollseifen-Herhahn zu Schleiden. So steht heute in der Tradition der Wollseifener Pfarrer, deren lange Reihe 1946 so plötzlich abgebrochen war, der Schleidener Pfarrer, bis 2023 Philipp Cuck, der eine Weile auch dem Förderverein Wollseifen e.V. vorsaß. Mit ihm begann mit der Auflösung des belgischen Truppenübungsplatzes Vogelsang die Reihe unter anderen Vorzeichen von Neuem. Zwar wird die Rochuskirche nicht wieder Mittelpunkt einer eigenständigen Pfarre sein, doch als Gedenk- und Erinnerungsort mahnt ihre Ruine und mit ihr die Wüstung, die einst das Dorf ihrer Pfarrkinder war, weithin sichtbar an Frieden unter den Menschen.

Andreas Züll und sein Neffe Nicolas vor dem wiederhergestellten Marienkapellchen (Sammlung Andreas Züll).

Das von Elmar Heimbach 2011 geschaffene Modell des Dorfes vor der Ruine der Rochuskirche (Bild Andreas Züll).

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Pfarrarchiv Herhahn.

Privatarchiv des Verfassers.

Traditionsverein Wollseifen: Erinnerungen an Wollseifen, 2011 (4. Aufl.).

Literatur

Rosen, Werner: Wollseifen: Der Opfergang eines Dorfes. 40 Jahre nach der Vertreibung — Ein Bischof erinnert sich. In: Jahrbuch des Kreises Euskirchen 1986, S. 122-134.

Züll, Andreas: Gefallene, Vermisste und Zivilopfer aus Dorf und Pfarre Wallseifen in beiden Weltkriegen einschließlich der in Wollseifen verstorbenen Soldaten und Evakuierten. Jahrbuch der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde 2014, S. 287-310.

Züll, Andreas: „Zur Ehre Gottes und zum Frommen aller Wolseiffener“. Zum 380. Jubiläum der Wollseifener Rochuskirche 1635-2015. In: Jahrbuch des Kreises Euskirchen 2015, S. 53-63.

Der Autor vor Ort im alten Schulhaus (Bild Andreas Züll).