Das Castrum auf dem Markthügel

Fortis Urbs Aquensis 1

Das Castrum auf dem Markthügel im spätantiken Aachen

Autor: Michael Kuhn

Der erste von insgesamt fünf Artikeln über die Befestigungen der Stadt Aachen. Die erste Befestigung wurde in spätrömischer Zeit nach den Verwüstungen des ersten großen Germaneneinfalls (275/76 n. Chr.) angelegt. Sie bot der Stadt während der nächsten Jahrhunderte Schutz in unruhigen Zeiten und war wohl maßgeblich am Fortbestand der städtischen Siedlung verantwortlich. Bis ins 12. Jahrhundert waren die Mauern und Türme noch erhalten. Dann setzte die große Erneuerung der Stadt unter Friedrich I. Barbarossa der Existent der Festung auf dem Markthügel ein Ende.


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Die dramatischen Ereignisse um den ersten großen Einfall der Franken im letzten Viertel des 3. Jahrhunderts hinterließen auch in Aachen vielfältige Spuren. Mehr als 200 Jahre waren seit den letzten nennenswerten kriegerischen Ereignissen vergangen, die das Rheinland heimgesucht hatten. Damals nutzten die aufständischen Bataver und Treverer die wohl letzte Gelegenheit, die römische Vorherrschaft während des Bürgerkrieges und des Vierkaiserjahres in Frage zu stellen. Das Vorhaben misslang gründlich am unbedingten Durchsetzungswillen des Cäsars Vespasian, der nach der Beseitigung seiner Konkurrenten seine besten Legionen und Befehlshaber ins Rheinland schickte. Nach dem Sieg und der Aufgabe der Rebellen (70 n. Chr.) begann eine mehr als zweihundert Jahre währende Friedenszeit, die als „Pax Romana“ in die Geschichte eingehen sollte. Eine Friedenszeit, in der es gefühlt nur voran ging. Städte und Siedlungen wurden ausgebaut, immer mehr Landstriche unter den Pflug genommen, Bodenschätze erschlossen und Verkehrswege geschaffen, die bis heute die Grundlage unserer Fernverbindungen darstellen. Es schien unvorstellbar, dass dies von einem auf den anderen Tag enden sollte. Sicherlich hat es an Warnungen und dunklen Vorzeichen nicht gefehlt, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach nur wenig beachtet wurden. Anders lassen sich die Verwüstungen und Zerstörungen nicht erklären, die in den Jahren 275/76 ihre Spuren hinterlassen haben.

Das römische Vicus Aachen stellte in diesen Jahren ein blühendes Gemeinwesen im Hinterland der Provinz Germania Inferior dar.  Nur Köln, Xanten, Bonn und Neuss zählten mehr Einwohner. Um die Zeitenwende herum gegründet, war die Stadt von Anfang an für eine Zahl von 3000 bis 4000 Einwohner konzipiert. Luxuriöse Thermen, Verwaltungsgebäude, Insulae, Handwerkerviertel und wahrscheinlich auch ein Forum und ein szenisches Theater prägten das rund um den heutigen Markthügel entstandene Gemeinwesen. Vielleicht war Aachen das Verwaltungszentrum (Vorort) einer Civitas zwischen Köln, Tongern, Xanten und Trier. Straßen nach Maastricht (Traiectum), Jülich (Juliacum), Heerlen (Coriovallum) und in die Eifel verbanden die Stadt mit der Via Belgica und der Agrippastraße, neben Maas, Rhein und Mosel die Lebensadern der römischen Infrastruktur ii diesem Teil des Imperiums. Die fruchtbaren Lößböden der Kölner Börde und die an Bodenschätzen reichen Abbaugebiete in der Voreifel (Kornelimünster, Breinig und Gressenich) trugen als dicht besiedeltes Umland zur Versorgung des städtischen Gemeinwesens bei. Die Einwohnerzahl der ländlichen Bevölkerung von mehr als zehntausend Menschen im Umkreis von zehn bis fünfzehn Kilometern dürfte nicht zu hoch gegriffen sein. Ein reicher und wohlhabender Landstrich, der die Begehrlichkeit der unruhigen rechtsrheinischen Stämme (Franken) wecken musste. Man hatte an alles gedacht, nur nicht daran, Stadt und Land durch Mauern und Befestigungen zu schützen.

Und so brach das Unglück mit aller Macht über die nichtsahnende Bevölkerung von Stadt und Land herein. Ob man die Zusammenschlüsse der rechtsrheinischen Germanen zu den Großverbänden der Franken und Alemannen nicht registriert oder die daraus erwachsenden Konsequenzen unterschätzt hatte, mag dahingestellt sein. Die Wucht, mit der die vereinigten Stämme über die Grenzen ins Imperium einbrachen muss unvorstellbar gewesen sein. Die Grenzverteidigung wurde überrannt und es gab keine Verbände, welche die durchgebrochenen Feinde stellen und effektiv bekämpfen konnten. Hatten sich die schwerfälligen Legionen endlich zum Abwehrkampf versammelt, war der Spuk längst weitergezogen und hatte geplünderte und verwüstete Siedlungen und Landschaften hinterlassen. Bis nach Gallien und Spanien waren vereinzelte Plünderungsgruppen durchgebrochen. Nur wenige von ihnen konnten auf dem Rückweg gestellt und ihnen die Beute wieder abgenommen werden. Vom Niederrhein bis an die Donau zog sich ein breiter Streifen der Zerstörung durch die germanischen und rätischen Grenzprovinzen. Der Limes wurde auf die natürlichen Verteidigungslinien an Rhein und Donau zurückverlegt und das Dekumatenland der Germania Superior war auf Dauer verloren.

Auch für Aachen konnten die Auswirkungen dieses ersten großen Germaneneinfalls nachgewiesen werden. Für das ausgehende 3. Jahrhundert lassen sich die Spuren eines großen Brandes nachweisen, dessen Ursprung wohl in den Ereignissen von 275/76 zu suchen ist.

 

Mauer mit Fundament. Auffällig sind die großen Platten, die den vorspringenden Abschluss des Fundamentes bilden. Ob es sich wie beim Kastell von Dillingen-Pachten um als Spolien verwendete Sitzstufen des dortigen Theaters handelt, ist rein spekulativ. Ein solches szenisches Theater wird für Aachen am Abfall des Markthügels zwischen der heutigen Pontstraße und der Mostardstraße vermutet.

Eine direkte Folge war die Errichtung einer massiven Befestigung (Castrum) auf dem heutigen Markthügel. Die rund 1 ha große Festung ist an mehreren Stellen des heutigen Marktes und in den angrenzenden Straßen durch örtlich begrenzte Grabungsmaßnahmen nachgewiesen worden.

Skizze des Castrums auf dem Markthügel.

Im Vorfeld des Marienturms an der westlichen Ecke des Rathauses wurde ein Teil der Festungsmauer freigelegt. „Am Büchel“ am östlichen Ende des Marktes konnte die Umwehrung mit dem anschließenden Rest eines Rundturmes aufgedeckt und untersucht werden. Die Stelle wurde aufbereitet und durch eine Platte aus Panzerglas gesichert. so dass sie von interessierten Besuchern des darüber liegenden Restaurants besichtigt werden kann (Archäologisches Fenster).

Mauer mit Turmansatz.

Die Mauern besaßen im Fundamentbereich eine Mächtigkeit von 5,30 m. Für das aufgehende Mauerwerk wird bei einer Breite von 4,46 m eine Höhe von annähernd 8 m angenommen. Die Mauern bestanden aus zwei Schalen behauener Mauersteine (Grauwacke) und einem Kern aus Gussmauerwerk. Die wahrscheinlich mit Spitzdächern versehenen Türme erreichten eine Höhe von ca. 8-10 m und waren mit Ziegeln oder Schiefer gedeckt. Als Zugänge dienten zumindest zwei mit Türmen verstärkte Tore. Im südlichen Bereich zum Katschhof hin war dem Castrum ein ca. 6 m breiter und 2 m tiefer Spitzgraben vorgelagert. Es ist noch ungeklärt, ob dieser Graben das gesamte Bauwerk umgab. Für die Innenbebauung des Castrums gibt es bis jetzt kaum verwertbare Ergebnisse. Vergleichbare Anlagen verfügten über Mannschaftsbaracken und Gebäude, die der Verwaltung und der Versorgung dienten. Bodeneingriffe auf dem Markthügel werden in der Zukunft hoffentlich neue Ergebnisse bringen.

Für die Bauzeit nimmt man die Jahre von 275/76 bis etwa 300 an. Das Bauvorhaben reiht sich somit zeitlich in das Festungsprogramm ein, dass die Grenzprovinzen gegen neuerliche Einfälle schützen sollte. Ähnliche Anlagen sind für Jülich, Jünkerath, Bitburg und Nettersheim nachgewiesen. Eine genaue zeitliche Datierung konnte noch nicht vorgenommen werden. Das Fehlen von typisch spätantiker Keramik (Mayen, Argonnensigillata) im Baugrund des Castrums legt eine zeitliche Einordnung um das Jahr 280 nahe. Die vorausgehende Zerstörungsschicht weist auf die Jahre 275/76 hin (Funde von Trierer Spruchbecherfragmenten aus der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts). Das vorhandene Spektrum an Fundmünzen bildet den gleichen Zeithorizont dar (u.a. Antoniane aus den Jahren 272-273).

Die Errichtung des Castrums auf dem Markthügel ging nicht mit einer Reduzierung der bewohnten Fläche der Ansiedlung einher. Über das gesamte damalige Stadtgebiet verteilte Funde belegen eine ungestörte Weiterbesiedlung. Im Bereich des „Büchel“ wurde außerhalb des Castrums im 4. Jahrhundert die Errichtung eines Prachtbaus mit Fußbodenheizung und mit Marmor verkleideten Wänden nachgewiesen.

Wie die Stadt, deren Besiedlung in merowingischer Zeit nicht abreißt, blieb auch die Kontinuität der Festung erhalten. Es lassen sich keine Zerstörungsspuren an den bekannten Mauerresten des Castrums feststellen. Die Wahl Aachens als feste Residenz Karls des Großen zum Ende des 8. Jahrhunderts dürfte durch das Vorhandensein einer mächtigen Befestigung entscheidend beeinflusst worden sein. Die Mauern und Türme der Festung werden in großen Teilen bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts noch Bestand gehabt haben. Erst mit dem Bauprogramm Friedrichs I., der der Stadt ein neues Gesicht gab, wurden die noch vorhandenen Mauern und Türme niedergelegt.

Bericht