Immer mehr dem Himmel entgegen

Die Geschichte des Kirchbergs in Aachen-Laurensberg

Die Laurensberger Pfarrkirche ist schon aufgrund ihrer
wahrlich erhabenen Lage eine von allen Seiten wahrnehmbare Landmarke, deren Wirkung Prof. Joseph Buchkremer bei der Erneuerung und Vergrößerung des Langhauses im 2. Jahrzehnt des 20. Jh. im Prinzip nicht beseitigt, sondern noch gesteigert hat1
. Die landschaftlich dominierende Lage wird heute im Nahbereich wegen der
inzwischen geschlossenen Bebauung und der hoch geschossenen Gartenbäume nicht immer deutlich. Ehemals
war St. Laurentius aber von ganz Laurensberg aus sichtbar, es sei denn, man schaute von einem abgewandt liegenden Hang oder Tal in Richtung Laurensberg. Der
Aachener Talkessel, in dem von Westen her noch Höhenzüge wie die Burtscheider Höhe, der Markthügel und die
Hörn hinein ragen und in dem der Lousberg als Riedel
stehen geblieben ist, weist nach Norden hin eine lang
gezogene Hangkante von etwa 200 m NN auf, die sich
über den Herzogsweg, die Laurentiusstraße, den Landgraben und die Berensbergerstraße bis zum Paulinenwäldchen hin erstreckt.
Aus dieser lang gezogenen Hangkante ragt der Kirchberg
punktuell um 15-20 m heraus. Vermutlich ist die Anhöhe
im Kern geologisch2
bedingt, hat aber irgendwann Aufhöhungen von 3-5 m Metern erfahren. Diese ergaben sich
zunächst aus der immer wieder veränderten Ausgestaltung eines paganen und in der Folge christlichen Kultplatzes. Im Mittelalter und in früher Neuzeit war er zudem das
gut zu verteidigende Dorfzentrum der Gemeinde.
Der Fund des zeichnerisch dokumentierten, aber im II.
Weltkrieg verschwundenen Viergöttersteins als Basis einer römischen Jupitersäule könnte Bestandteil eines kleinen Kultbezirks am Rande des Weges vom römischen
Aachen über CORIOVALLUM (Heerlen) nach VETERA
(Lager beim heutigen Xanten) gewesen sein. Es gibt zwar
keinen archäologischen Nachweis des römischen Kultplatzes gerade an dieser Stelle. Im weiten Umkreis gibt es
aber keinen anderen Platz, der für römisch-kultische Zwecke so prädestiniert gewesen wäre wie dieser.
Die erste Kirche in karolingischer Zeit mag ein einschiffiger kleiner Holzpfostenbau ohne Turm gewesen sein. Bis
zum 13. Jh. muss er aber schon längst in Stein erneuert
und mit einem Turm versehen worden sein, da 1284 in
erzählenden Quellen (Jan Heelu) vom Abbrennen der
Kirchtürme von Laurensberg und Haaren die Rede ist.3
1602 ist die erfolgreiche Verteidigung des Kirchberges
gegen den Plünderungs- und Besetzungsversuch einer
Kompanie spanischer Soldaten im Tagebuch des Stadtsyndikus Klöcker verzeichnet.4
Der von mir nachbearbeitete, hier wieder gegebene Ausschnitt aus der Flurkarte von Reiner Joseph Scholl (1760)
enthält zwar keine Höhenlinien. Man hat aber den Eindruck, dass Gut Kamp und die Kirche gemeinsam auf dem
ebenen Plateau des Kirchberges stehen, zu dem – ähnlich
wie auf dem kleineren Ausschnitt der Karte von 1928 dargestellt – die Zuwegung von Westen her südlich um den
Kirchberg herum erfolgt (Höhe 210 m NN). Der Zugang
von der Pannhauserstrasse stellt sich eher als Zugang zu
Gut Kamp dar.
Anders als bei den meisten Kirchen liegt der Eingang zu
Alt-St. Laurentius nicht im Westen. Das Langhaus hatte die
gleiche Breite wie der Kirchturm, dessen im Erdgeschoss
Abb. 1 Ausschnitt des Aachener Stadtplans von 1928 1: 5.000
Abb. 2. Ausschnitt aus einem Repro der Flurkarte von Scholl
(Original im WK II zerstört)
Abb. 3, verkleinerter Ausschnitt zu Abb. 1
Dietmar Kottmann
2
Der Laurensberger Kirchberg
2m dicken Mauern keinen Durchgang enthalten. Der Turm
weist nur einen schmalen Zugang an der Südseite mit der
Bauinschrift von 1482 auf. Soweit man dies nach älteren
Darstellungen der Kirche beurteilen kann, befand sich der
Zugang zum Kirchenschiff an der Südseite etwa da, wo
sich auch heute ein zweiflügeliges Portal befindet. Man
spürte in früheren Jahrhunderten daher wohl auch kein
Bedürfnis, einen direkten Zugang von der steilen Westseite her zu nehmen.
Auf diesem Kartenausschnitt sehen wir westlich vor der
Kirche ein kleines Nebengebäude und mit der Hausnummer 37 ein weiteres Gebäude an der Stelle, an der nachträglich eine Auffahrt zur Kirche angelegt worden ist. Es
könnte das ehemalige Küsterhaus gewesen sein, über
dessen Geschichte Peter Bertram in der ausführlichen
Beschreibung des Kirchberges viel Material zusammengestellt hat. Das ursprüngliche Küsterhaus wird urkundlich
am 11.10.1603 bei einem Verkauf einer Rente von 15 Talern “aus Haus, Hof und Erb an der Linde zu Laurensberg ”
erwähnt. Die Benennung als das “alt Costershausgen” ist
aus einem Verkauf vom 8.7.1676 überliefert5
.
Peter Bertram geht dabei auch auf die Geschichte des
Gutes Kamp ein. Seinen Ausführungen im Zusammenhang
mit der urkundlichen Erwähnung der „ecclesia ad antiquum campum“ möchte ich in diesem Beitrag nicht folgen6
.
Zu den von Josef Liese berichteten römischen Spuren unter Gut Kamp konnte oder wollte Peter Bertram sich
selbst nicht äußern. Helmut Schanze berichtete in seinem
Vortrag vor den Heimatfreunden über karolingische Spuren. Ich zitiere aus seinem unveröffentlichten Manuskript:
„ Ein Teil der Mauern, zur Kirche hin und innen, waren
nachweislich älter. An diesen Mauern, die bis zu 60 cm
dick waren, konnte der Fachmann roten Mörtel ausmachen, wie schon beim Neubau der Kirche in den dortigen
Grundmauern. Er ließ auf die karolingische Zeit schließen.“ Mit dem Fachmann war Dr. Frebel vom Rheinischen
Amt für Denkmalpflege beim LVR gemeint, der als Bauzeit
der Hofanlage „8. bis 18. Jh.“ angab7
. Damit ist noch nicht
gesagt, ob es sich um Mauern eines karolingischen Nebenhofes der Pfalz Aachen oder eines alten Gutes Kamp
handelte. Darauf werden wir noch in unserem Beitrag zur
Urkunde vom 17.10. 870. zurückkommen.
Bei der im 13. Jh. vorkommenden Aachener Familie de
Campo zitiert Bertram die Vermutung von Quix, dass diese vom Gut Kamp stammen könnten8
. Gegen Ende des 17.
Jh. werden die Eigentümer von Gut Kamp jedoch klar fassbar. Der Aachener Baumeister Mostart musste von diesem Gut 1693 Kirchenöl für St. Laurentius im Wert von 7
½ Aachener Mark zahlen. Er hatte das Gut wohl gerade
erworben. Nach Tille – Krudewig ruhte eine entsprechende Belastung auf Gut Kamp, deren Umfang und vor allem
deren Erfüllung unter den Voreigentümern unklar war.
Mostart verständigt sich deshalb mit der Kirche darauf,
künftig 16 Aachener Gulden jährlich zu zahlen. Dieses
Recht sollte zusätzlich als Belastung auf seinem Gut Langohr abgesichert werden. Die Kirche verzichtet dafür auf
etwaige noch offene Rückstände. Ihm wird aber bescheinigt, dass er sich „in erbauung des kirchenthores, sakristei, portal, küsterei und sonsten auch bei e.e. rath zu Aach
in vielen sehr befürderlich erwiesen“
9
habe. Da das
„portal“ gesondert erwähnt ist, muss es sich beim
„kirchenthor“ in der damaligen Schreibweise um den
Turm der Kirche handeln. Eine Generation später befindet
sich das Gut im Besitz der Familie Teilen. 1774 ist Wilhelm
de Bennet Eigentümer.
Wilhelm von Bennet wurde 1778, 1784 und 1785 Schützenkönig der St. Laurentius-Schützenbruderschaft und
damit auch Schützenkaiser. Sein Schützenschild, das eine
Darstellung des Pfarrpatrons als Märtyrer zeigt, ist überliefert. Das Attribut „de“ zu seinem Namen ist in den Aufzeichnungen der Schützen als „von de“ gedoppelt. In der
Schützenfestschrift von 1927 ist angemerkt, dass der damalige Schreiber sich nach dem Schriftbild offensichtlich
schwer mit den Eintragungen in die Bücher der Bruderschaft getan hat10. Von 1800 bis 1802 war de Bennet
Maire (Bürgermeister) der Gemeinde als Nachfolger des
Pfarrers Bräder. 1794 war Pfarrer Bräder den Franzosen
anscheinend als die einzige Person in Laurensberg erschienen, der man auch die Verwaltung der politischen
Gemeinde als Maire zutraute. In den „Ordonnantien“ der
Schützenbruderschaft ist verzeichnet, dass sich ihr
Stammlokal im Hofe “ajene Kamp” befinde. Bis zum Bau
des Sandhäuschens befanden sich auf Gut Kamp Schankräume, Gästezimmer und eine Kegelbahn sowie in der
Nähe eine Schützenstange. Die Funktion eines nahe bei
der Kirche gelegenen Gasthauses hatte das Gut Pannhaus
da schon längst aufgegeben. Dass bei Gut Pannhaus diese
Funktion im Mittelalter bestanden hat, ist archäologisch
durch die beim Ausbau der Pannhauserstraße gefundenen
mittelalterlichen Schank- bzw. Trinkgefäße belegt11. Mit
dem Bau des Sandhäuschen blieb eine alte soziale Regel
bestehen, wonach sich die Kirche mitten im Dorfe befinden soll und nahe dabei der Dorfkrug. Übrigens bewohnte
unser schon lange verstorbenes Beiratsmtglied Klaus von
Schwartzenberg mit seiner Familie Gut Kamp vor der UmAbb. 4, Zeichnung des
Schützenschildes aus der
Schützenfestschrift 1927
Dietmar Kottmann
3
Der Laurensberger Kirchberg
wandlung des Gutshofes zu Wohnzwecken. Den westlichen Teil des Gutes erwarb die Pfarrgemeinde, um eine
neue Auffahrt anlegen zu können. Die Auffahrt erspart
älteren, behinderten und kranken Pfarrangehörigen den
mühsamen Aufstieg über die Treppen und wurde 1977
fertig gestellt. Der dazu nicht benötigten Westflügel des
Gutes wurde verkauft und ebenfalls zu Wohnzwecken
umgebaut12
.
Der aktuelle Laufhorizont von Gut Kamp ist deutlich
niedriger als der der Pfarrkirche und des Kirchhofes. Das
legt die Annahme nahe, dass das Gelände um die Kirche
herum in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten um mehrere Meter aufgeschüttet und angehoben worden ist.
Über die Schadenfeuer der 1705, 1741 und 1780 berichtete der Pfarrer Arnold Jakob Nikolaus van Goer de Herve in
dem von ihm angelegten Liber Pastoralis
(Pfarrbuch). 1705 brannte der Turm nach einem
Blitzeinschlag völlig aus. Die Glocken waren unbrauchbar geworden. Bei einem Blitzeinschlag im
Jahre 1741 wurde nur das Kreuz vom Dach des
Turmes heruntergeworfen und stürzte in das Gebälk des Kirchenschiffs. Beim Brand der Kirche im
Jahre 1780 wurde das Kirchenschiff völlig zerstört.
Nur der Chor mit dem Altar war verschont geblieben. Für die Kosten der Erneuerung der Kirche
oder zumindest der Behebung der Schäden musste
der Inhaber des sog. kleinen Zehnten Dr. jur. Wolff
eingestehen. Dieser wollte sich aber die Kosten der
Beseitigung des Brandschutts sparen und ließ diesen einfach einplanieren. Unbekannt ist, ob der Bauschutt auch
außerhalb der von der Kirche überbauten Fläche verteilt
worden ist. Jedenfalls wurde das Niveau des Kirchschiffs
um 2 m erhöht. Dr. Wolff weigerte sich zudem, die Mittel
zur baulichen Anpassung des Altarraumes bereit zu stellen13. Pfarrer Dr. Johannes Pschmadt schrieb in der Schützenfestschrift 1927: „Die Folge dieser Weigerung war, daß
der Altar so tief unter dem Niveau des Kirchenbodens
stand, daß der amtierende Priester fast ganz verschwand.“ Pfarrer Bräder sprach mit ätzendem Spott von
einer „Wolffsgrube“ für die Geistlichen. Widerwillig wurde
dann auch der Boden im Chorraum aufgefüllt, wodurch
dieser nach Bräders Empfinden so niedrig geriet wie ein
Backhaus14. Auf der Zeichnung von Alt-St. Laurentius des
Architekten Krause von 1910 für das von Paul Clemen
Abb. 5. Zeichnung des Arch. Krause von Alt-St.Laurentius
Abb. 6. Vom Verfasser bearbeiteter Grundriss Buchkremers für die neue Kirche
Dietmar Kottmann
4
Der Laurensberger Kirchberg
herausgegebene und von Reiners bearbeitete Denkmälerverzeichnis des Kreises Aachen scheint noch ein geringerer Höhenunterschied zwischen der Kirche und Gut
Kamp zu bestehen.
Wir haben keinen vermassten Grundriss von Alt-St. Laurentius, so wie er sich nach der Behebung der schweren
Brandschäden von 1780 dargestellt hat. Den aus der etwas jüngeren Copso – Karte ablesbare Umriss habe ich
frei geschätzt auf der vorstehenden Abbildung in den
Buchkremerschen Plan hineinprojiziert. Wichtig ist hierbei
die 1910 erfolgte enorme Erweiterung des Kirchenbaus
nach Norden.
Meine am Tag des offenen Denkmals 2020 geäußerten
Vermutungen über Niveauänderungen machten sich auch
an der mächtigen Stützmauer des alten Kirchhofes fest.
Diese wird in regelmäßigen Abständen durch Lisenen verstärkt, in deren oberes Drittel wohl schon zur Bauzeit barocke Grabkreuze von aufgelassenen Grabstätten eingefügt sind. Dieser Zustand besteht heute noch, bestand
aber – wie ich nun in einem älteren Foto herausgefunden
habe – auch schon vor dem Umbau der Kirche durch
Buchkremer.
Vermutungen zu Aufhöhungen des Kirchberges könnten
in Buchkremers Zeiten verweisen, da er zur Erweiterung
der Kirche nach Norden hin zwei weitere Kirchenschiffe
geplant hatte. Die Optik nach Süden und Norden veränderte sich dadurch kaum. Aber dafür musste der nördliche
Teil des Kirchhofes aufgelassen und überbaut werden. Der
Flächenverlust auf dem Kirch- bzw. Friedhof musste ausgeglichen werden, was nur nach Süden hin möglich war.
Im dortigen Abhang grenzte eine Kuhwiese an den Kirchhof. Die vielen alten Fotos und Gemälde, die wir von St.
Laurentius und dem Kirchberg kennen, datieren alle aus
der Zeit um 1900 und später. Auch die wenigen Fotos der
alten Kirchen zeigen bereits die hohe Stützmauer zwischen Wiese und Kirchhof (s.o.).
Die älteste uns bekannte naturalistische Darstellung ist
von der Hand des Malers Hermann Killian, der wohl aus
Rheydt stammte und nur in der Zeit von 1898 bis 1912 in
Aachen nachweisbar ist15. Auf einer seiner beiden bekannten Darstellungen unserer Pfarrkirche aus südwestlicher
Sicht scheint die Stützmauer noch zu fehlen. Bei Killians
bekannten Lebensdaten belegt das aber keinesfalls ein
Datum „post quem“, d.h. nach dem die Stützmauer gebaut worden ist. Der wiedergegebene Eindruck ist eher
künstlerische Impression.
Am Tag des offenen Denkmals 2020 haben wir auch die
Mauerabdeckung aus Sandstein inspiziert, in der sich viele
tiefe Kratzspuren befinden, die nach der Überlieferung
beim Nachspitzen und Schleifen der Griffel ergaben, mit
denen die Schüler der alten Volksschule Laurensberg ihr
Schreibgerät funktionstauglich hielten. Die Schule ist bereits um 1880 in den Neubau am Vetschauer Weg verlegt
worden. Die Verwendung von Schiefertafeln war übrigens
noch bis in die 50er Jahre in den ersten Klassen üblich. Ein
erster Schulbau entstand in den Jahren 1807-1809 unter
Pfarrer Bräder als westlicher Anbau an den Turm von St.
Laurentius. In der Überlieferung stammte das Baumaterial
von der verfallenden Kapelle Unserer Lieben Frau an der
Rast, die noch in einer Hopelskarte der Herrschaft
Schönau16 von 1752 mit einem Kapellensymbol und dem
textlichen Zusatz kartiert ist, dass diese sich 264 Fuß südlich der Kreuzung Laurentiusstraße mit der KarlFriedrichstraße befunden habe. Der ehemalige Gemeindediener Jungen hatte bezeugt, dass die vermutlich aus VetAbb. 7. Foto von Alt-St. Laurentius (Sammlung Heimatfreunde)
Abb. 8, Foto des Gemäldes von Herrmann Kilian
Dietmar Kottmann
5
Der Laurensberger Kirchberg
schauer Mergel errichtete Kapelle für den Schulbau verwandt worden sei.17 Der Anbau wurde später noch zwei
Mal mit frisch gebrochenem Mergelsteinen erweitert,
bevor um 1880 die neue Schule am Vetschauer Weg erbaut wurde18. Die zwei Bauphasen der Schule auf dem
Kirchberg, d.h. der Vergrößerung des Anbaus sind heute
noch deutlich an einer Baunaht in der Südfassade ablesbar. Die Griffelspuren müssen deshalb aus den ersten
beide Dritteln des 19. Jh. stammen.
Vor vielen Jahren hielt ich den aktuellen Laufhorizont
des Kirchberges allein wegen der Linde für ursprünglich.
Der jetzige Baum ist allerdings erst vor gut 50 Jahren als
Ersatz für die alte Linde (Bild s.o.) gepflanzt worden, nachdem diese in den Dezemberstürmen des Jahres 1962 auseinandergebrochen war. Der alte Baum, der zuweilen als
100019jährige Linde apostrophiert wurde, stand etwa auf
gleichem Niveau. Das Attribut „1000jährig“ wurde in den
30er Jahren gern verwandt. Der Vorgänger hatte aber bei
weitem nicht die Mächtigkeit der Forster Linde, die etwa
10m Stammumfang misst. Der Laurensberger Baum sollte
also nicht als Beleg für das Alter des aktuellen Laufhorizontes angesehen werden, da es durchaus denkbar ist,
dass die Linde schon früher einmal durch einen jüngeren
Baum ersetzt wurde – und sei es bei der Veränderung der
Flächen des alten Kirchhofes. Seit dem 17. Jh. ist bei der
Kirche eine Linde sicher urkundlich bezeugt20. Pfarrer Korr
berichtet in seinem Beitrag über die Brände des 18. Jh.
auch, dass man 1963 das Wurzelwerk der vom Sturm zerbrochenen Linde beseitigt habe und dass man dabei auf
Brandschutt gestoßen sei. Dieser könne auch von älteren
Bränden gestammt haben, vermutet er, da der Brandschutt von 1780 ja zur merkwürdigen Anhebung des Bodens des Kirchschiffs einplaniert worden sei21
.
Der Kirchenbau von Alt-St. Laurentius ist stets so bescheiden gewesen, dass man kaum echte Romanik, Gotik
und Renaissance vorfinden könnte. Bei den vielen eingemauerten Bauresten der alten Kirche fand Buchkremer
aber außer einigen gotischen Maßwerkteilen auch sieben
Bruchstücke eines schönen romanischen Taufsteins, wie
er als Typus im Rheinland verbreitet sei22. Nach den Formen zu urteilen, gehöre er der großen Gruppe ähnlicher
Taufsteine an, wie sie am ganzen Niederrhein vorkämen.
Auch der Taufstein der Taufkapelle des Aachener Münsters zeige große Ähnlichkeit. Der obere Teil, das eigentliche Becken, sei kreisförmig und habe vier Eckköpfe und
sei an seiner Wulstfläche mit Drachengestalten und Ornamenten verziert. Der untere Teil sei von vier Säulchen
umstellt, die durch aufgebogene Lappen mit den vier Köpfen zusammenhingen. Alle diese charakteristischen Teile
könne man noch an den sieben Resten des Laurensberger
Taufbeckens wahrnehmen. Auf dem größten Stück sei ein
Drache zu erkennen, dessen Schwanz sich mit ganz symetAbb. 9. Foto der alten Linde (Sammlung Heimatfreunde)
Dietmar Kottmann
6
Der Laurensberger Kirchberg
risch gebildeten Tier durcheinander winde. Ein anderer
Rest zeige den Oberkörper eines Tieres, aus dessen Maul
ein romanisch stilisiertes Laubwerk herauswachse. Das
Material sei hiesiger Blaustein23. Auch die Reste des Taufsteins sind im II. Weltkrieg verloren gegangen.
Buchkremer, dessen Quasi-Doktorarbeit Johann Joseph
und Jakob Couven gewidmet war24, hat mit dem Neubau
von St. Laurentius den Barock in Aachen wieder populär
und modern gemacht – übrigens gegen nachhaltige Widerstände in dem damals noch zuständigen Kölner Generalvikariat.
Von der Familie des Bürgermeisters von Fisenne ist eine
neogotische Grabstele am Ostchor der Kirche aufgestellt,
zu deren Gestaltung möglicher weise der Neffe Lambert
von Fisenne (1853 – 1903) beigetragen hat, der in jenen
Jahren ein Architekturstudium am Aachener Polytechnikum begonnen hatte.
Abb. 10. ein einfacherer romanischer Taufstein
aus der Pfarrkirche von Lüftelberg
1
Es fällt auf, dass für die Standorte der alten Pfarrkirchen stets erhöhte Standorte gewählt worden sind. Das gilt zunächst für
Laurensberg und Würselen, aber auch für Vaals, Burtscheid und Forst.
2
S. Karten des Geologischen Landesamtes 1:100.00 und 1:50.000
3
S. Peter Bertram, Die Eroberung der Kirchtürme von Laurensberg und Haaren im Sommer des Jahres 1284, in: Laurensberger
Heimatblätter Heft 1. (1995)
4
S. Dietmar Kottmann, Die Schützen und ihre Entstehung, in: Laurensberger Heimatblätter Heft 4/5 (2004
5
Peter Bertram, Wanderungen Ziff. 8.9. in Laurensberger Heimatblätter Heft 2/3
6
S. dazu meine Ausführungen in diesem Heft im Beitrag zur Geschichte unserer Pfarrkirche
7
Helmut Schanze, Unveröffentlichtes Manuskript S. 4
8
Peter Bertram, Wanderungen Ziff. 8.8. in Laurensberger Heimatblätter Heft 2/3
9
Armin Tille/Johannes Krudewig, Übersicht über die kleineren Archive der Rheinprovinz, Bd. II, Köln 1904, S. 327
10 Festschrift „Die St. Laurentius Schützenbruderschaft zu Laurensberg 1602 – 1927“, S. 46
11 S. unseren Bericht in der Festschrift zum Jahre 2015 „Fund von elf Gefäßen des 13. Jhs. in der Pannhauser Straße, AachenLaurensberg“ Laurensberger Heimatblätter Heft 6/7, S. 95 ff.
12 S. die ausführlicheren Darstellungen bei Peter Bertram a.a.O. Ziff. 8.8
13 Pfarrer Hubert Korr, Die Laurensberger Kirche brennt, in: Festschrift „Freiwillige Feuerwehr der Stadt Aachen – Löschzug Laurensberg 1874 – 1974, Laurensberg 1974
14 Johannes Pschmadt, Aus der Geschichte Laurensbergs, in Schützenfestschrift 1927, S. 24
15 Angaben nach dem nichtveröffentlichen Aachener Künstlerverzeichnis von Christoph Spuler; s.a. Franz Erb, Original und Reproduktion – Aachener Ansichten von Hermann Killian und ihre Vervielfältigung auf Aachener Postkarten, Aachen 1991
16 Landmesser Hopels, 1952, Grenzkartierung Reichsherrschaft Schönau, Reichsstadt Aachen, Heydener Ländchen, Landesarchiv
Duisburg, digitalisiert: 2018/01711
17 S. Peter Bertram, Die Bronk – Ein Beitrag zu Geschichte der Prozessionen, in: Laurensberger Heimatblätter Heft 4/5. (2004), S.
220
18 Hannelore Zowislo-Wolf, Von der Pfarrschule zur Gemeinschaftsgrundschule Laurensberg – Ein Kapitel Schulgeschichte, in: Laurensberger Heimatblätter Heft 1. (1995), S. 74
19 Hans-Joachim Fröhlich, Wege zu alten Bäumen – Bd. 4 Nordrhein-Westfalen, Frankfurt a/M 1992 S. 119, Nr. 132 gibt in dem
300 Bäume in ganz NRW erfassenden Bändchen für die Forster Linde an: Alter: 800 Jahre; Höhe: 23 m; Krone: 23 m; Umfang:
1000 cm; Besonderheit: der Stamm teilt sich in 2 m Höhe in 5 Arme auf, weit ausladend, ausgemauert, Gerichtsbaum, Winterlinde; die alte Laurensberger Linde war eher mit der Kalkarer Gerichtslinde vergleichbar, für die der v.g. Baumführer angibt:
Gerichtslinde; Höhe 14 m; Umfang 280 cm; Besonderheit: Marktplatz beherrschend; Krone ausgebrochen; die Anpflanzung der
Kalkarer Gerichtslinde ist urkundlich auf das Jahr 1545 datiert (https://rp-online.de/nrw/staedte/kleve/kalkars-gerichtslinde-istein-uralt-baum_aid-20426037); das Alter der Laurensberger Linde lag irgendwo dazwischen; höchstens aber bei 600 Jahren.
20 Peter Bertram, Wanderungen Ziff. 8.9. in Laurensberger Heimatblätter Heft 2/3
21 S. Pfarrer Hubert Korr a.a.O.
22 Joseph Buchkremer, Altertumsfunde ZAGV Bd 42, S. 344
23 Der Grabungsbericht von Joseph Buchkremer ist gedruckt in „Altertumsfunde“ ZAGV Bd 42, S. 344
24 Josef Buchkremer, Die Architekten Johann Joseph Couven und Jakob Couven, in ZAGV Bd 17 (1895), S. 89-210; Buchkremer
wurde Professor der RWTH, ohne zuvor promoviert zu haben; damals hatte die RWTH noch kein Promotionsrech

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